Das Wesen der Scham – die Wahrheit der Eigenwerte

Der demokratische Kulturkampf gegen den erweiterten kulturellen Suizid in der bürgerlichen Gesellschaft

Es gibt einen „erweiterten kulturellen Suizid“ der Selbstmord der bürgerlichen Gesellschaft. Dieses Phänomen ist uns allen ein Rätsel und doch eine unbestreitbare Tatsache. Seit es die bürgerliche Stadtgesellschaft gibt zeigt sich im Gang ihrer Aufstiegsgeschichte immer wieder ein destruktives Umkehrphänomen. Auf jede erfolgreiche bürgerliche Revolution folgten Rückschläge und Niederlagen. Ihre Siege und Erfolge im Kampf mit den Tyrannen schlugen ebenso regelmäßig in Misserfolge um. Aus der Kultur der Beteiligung am Wohlstand und der Freiheit der Bürger brechen – aus ihrer Mitte – destruktive Bewegungen hervor. Sie zerstören und verwandeln den Aufstieg der Eigentumsgesellschaft und führen sie in ihren Abstieg.

Zurzeit geschieht in der größten Demokratie der Welt – den USA – die Selbstzerstörung der Eigenwerte durch die „Republikanische Partei“ unter Trump. Teile der Bürger erwachen nun und rufen den Knechten ihrer Unterdrücker zu: „Shame on you!“ Doch die Scham müsste zweiseitig sein: Auch die Demokraten sollte ein Fremdschämen erfassen. Auch sie haben den Sieg der Erfolgreichen um jeden Preis hymnisch angebetet. Sie schämten sich nicht, weil auch ihnen das Gefühl und das Wissen um das Wesen der Scham durch Verdrängung und Verleugnung verloren ging.

Der Verlust geschieht in unserer Kultur durch die Verwandlung von Wahrheit in Lüge und erzeugt so die „wahre Lüge“ als Mittel der despotischen Macht. Ihr Ziel und Zweck ist die Besitzergreifung fremden Eigentums – ohne Leistung und Arbeit – durch Raub, durch Übervorteilung und durch den Gewinn um jeden Preis. Die Überflussgesellschaft verwandelt sich so unter der Hand in eine Mängelgesellschaft an Gerechtigkeit: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!“ Es bricht die Scham hinter dieser Wahrheit hervor, wenn dieser Grundsatz verletzt wird. Damit stellt sich die Frage nur noch klarer: Warum zerstören die Schöpfer ihrer Erfolgswelt „freiwillig“ ihre Erfolge und opfern sie als Täter der kriegerischen Zerstörung ihrer Welt?

Überflussgesellschaft der Macht – die unterdrückte Frau und die Allmacht

Was macht die Täter zu ihren eigenen Opfern? Nietzsche hat in seinem eigenen, selbstmörderischen Kampf gegen die bürgerliche Kultur – gegen die Frau, die Mutter und Schwester – in unserer Zeit, uns auf diese selbstmörderische Wende im Zentrum der Demokratie gestoßen. Er praktizierte die Zerstörung der „Hälfte des Himmels“ – wie ein chinesisches Sprichwort sagt – durch den Ausschluss der Frau. Doch wenn die Hälfte fehlt, kann das Ganze auch für den Mann, den Vater und den Bruder nicht gelingen! Solange im Befreiungskampf der Bürger die Frau verdrängt wird, führt der Weg in den Abgrund.

Auch die Athenische Demokratie hat die Frau politisch nicht an der Gleichheit (ìsonomía) beteiligt und deshalb ihre patriarchale Prägung nicht überwunden. Das war und ist seit damals der größte Mangel der Demokratie und ist die Quelle jeder Restauration aus ihrer Mitte. Nur Sokrates hat – im Dialog mit Diotima – den demokratischen Grundfehler aufgedeckt. Der halbe Eros ist „noch nicht“ das, was er als „schaffender Geist“ werden will! Er kann nur in der Einheit des Begehrens mit dem anderen Geschlecht – Mann oder Frau – den Mangel der Halbheit überwinden. Die Liebe „begehrt“ das „Ganze“ der Schöpfung als Eigenwert zu erzeugen, in der Natur und im Geiste. In der Politik und Kultur Athens war es allein Perikles der den antidemokratischen Mangel erkannte. Auch mit der Heirat der Philosophin Aspasia – die eine Nichtathenerin war – suchte er die Gleichheit (ìsonomía) der Frau und des Mannes in der Politik und Kultur durchzusetzen. Das Problem war: Es gab auch in Athens ohne die Mitschöpfung der Frauen nur eine halbwertige und unvollkommene Demokratie Doch die Zeit war für die Ideen von Sokrates und die politische Praxis von Perikles „noch nicht“ reif. Sokrates haben die Demokraten selbst umgebracht, als er von ihnen als Gesetzgeber die „Vorsorge für die ganze Seele“ verlangte. Perikles und seine Politik der demokratischen Teilhabe und Teilnahme an der inneren Einheit der Polis scheiterte im Krieg gegen Sparta, dem Zentrum der damaligen Reaktion.

Wer die ganze Demokratie will, der muss den patriarchalen Ausschluss der Hälfte der Menschenwelt – „der Verfassungsmütter und Verfassungsväter“ – überwinden, wie Sokrates in seiner Sterbestunde sagte. [1] Das Erbe der Gleichberechtigung von Mann und Frau, es wurde erst in der Renaissance Italiens in Ansätzen wiedergeboren. Aber unter der Macht des päpstlichen Patriarchats kam es in den italienischen Republiken auch nur zur halben Geburt der Demokratie. Die Wahlberechtigung der Frauen in den USA wurde erst 1922 erreicht. In der angeblich urdemokratischen Schweiz gelang es erst im November 1990 die Wahlberechtigung der Frauen durchzusetzen. Erst nach diesem Schritt kann man von einer vollständigen Demokratie sprechen.

Die Zerstörung der Demokratie in Athen und Rom war und ein Verbrechen an der Masse des Volkes. Die Bürger verlieren durch den Raub der Gerechtigkeit ihre universalen Rechte. Damals wie heute ist die Art und Weise dieses Raubes – siehe Hitler – nur mit Hilfe der Bürger selbst möglich. Das ist der absurde Widerspruch, den es zu erkennen und zu beenden gilt. Es ist einerseits ein Raub, am Eigentum von Dingen und an der demokratischen Rechtsordnung, der dann zum Krieg, dem Vorlauf zum Tode führt. Es ist andererseits immer auch ein Raub an seinen Söhnen und Töchtern, seinen Kindern und Frauen. Dieser Opfergang ist die Tragödie der Demokratie.

Auch ich habe immer den Gordischen Knoten der Selbstunterdrückung übersehen der uns durch die patriarchalen Strukturen zu seinen Gefangenen macht. Wir alle haben die Demokratie idealisiert und das in ihr verborgene patriarchale Erbe der Vorzeit übersehen.

Die Auflösung der Idealisierung – Raub an Eigentum und Eigensinn

Machen wir einen Zeitsprung. Blicken wir mit unseren Augen auf unsere Prägung durch das patriarchale Erbe. Es öffnet sich dann ein Einblick in den absurden Opfergang der Bürger. Den praktizierten Verrat an ihren eigenen demokratischen Werten zeigt sich im Paradox des Kultur- und Klassenverrats. Er beginnt immer in der Mitte des Bürgertums, meist mit Hilfe ihrer technischen und zivilisatorischen Mittel. Erinnern wir uns! Für uns war der revolutionäre Kampf gegen das eigene spießige und übersättigte Bürgertum dann erfolgreich, wenn er das System bekämpfte, das uns durch seine Erziehung seelisch zerstörte: „Zerstört was euch zerstört“! Nietzsche hat in seiner Zeit, im Kampf gegen seine bürgerliche Prägung, als erster ein nihilistischen Programm des „freiwilligen“ kulturellen Suizids erdacht und danach auch gehandelt. Für ihn war die Frau, die Mutter und die Schwester das Grundproblem und die Ursache seiner Unterdrückung. Sie zu beenden und das Bürgertum zu bekämpfen und zu zerstören, das war sein Befreiungskrieg. Doch auch seine Familie war nur Opfer der patriarchalen Welt, Charaktermasken im selbstmörderischen Spiel gegen den freien Willen und die Eigenwerte.

Von außen gesehen erscheint jeder Kampf gegen das Bürgertum als reiner Anarchismus. Doch der äußere Schein lenkt vom Kern ab. Im Kern war und ist die Verdrängung der „Hälfte der Welt“ ein selbstmörderisches Handlungsmuster für alle Männern und Frauen, die sich dafür gebrauchen lassen. Er wirkt als Missbrauch im Untergrund und führt zur Verleugnung von Freiheit und Demokratie, bei Frauen wie Männern, die sich dafür missbrauchen lassen. Er führt zur Zerstörung der Eigenwerte ihres Lebens weltweit. Das Handlungsmuster der Kritik am Spießertum sehen wir in allen autoritäreren und faschistischen Bewegungen. Sie kehren die Erfolge der bürgerlichen Revolution um, denn für sie sind die Frauen reine „Gebärmaschinen“ für ihre kriegerischen Ziele. So entsteht ihre destruktive Energie aus dem selbstmörderischen Kampf gegen die Teilhabe der Töchter, der Frauen und der Mütter. Damit zersetzen diese Bewegungen unterbewusst die schöpferische Grundstruktur des Lebens und der Eigenwerte.

Auf der Oberfläche der Welt sehen wir immer wieder dasselbe Phänomen. So ist äußerlich gesehen, was wir unter Trump und seiner Bewegung erleben ,die Explosion eines Anarchokapitalismus mit digitalen Mitteln. Der einzige Zweck ist die Bereicherung mit Hilfe der gekaperten Staatsmacht: ‚Der Einbruch in die Staatsbank – die FED – ist sinnlos, wenn man ihre Führung übernehmen kann!‘

Doch der Raub durch den Anarchokapitalismus mit digitalen Mitteln baut auf den Willen zur Allmacht über Männer und Frauen. Er macht die Männer zu Agenten bei der Unterdrückung der Frau. Er zerstört vor unseren Augen die Beziehung von Wahrheit und Lüge. Wir haben seit Jahren das Koordinatensystem des klaren Denkens durch das Erfolgssystem der gnadenlosen Bereicherung ersetzt: „Geld stinkt nicht!“ – der alte Spruch – wird ersetzt durch einen neuen – „Geld ist sexy!“

Doch die Überflussgesellschaft des Geldes – nicht nur in den USA – hat sich erkennbar in eine Sackgasse manövriert. Von der Ukraine über Venezuela und Grönland, bis zum Irankrieg offenbart sich nun die Überdehnung dieses Programms. Es ist zügellos, weil es nur aus der Nachtseite des Lebens seine Ziele nimmt. Die Überflussgesellschaft der Superreichen und die Macht der Oligarchen ist die Klammer über die das Patriachat aber nicht offen sprechen will. Dieser Teufelspakt ist das Geheimnis hinter dem sich die politische Systeme über alle Kontinente hinweg verstehen. Die Herrenmenschen erkennen sich in Andeutungen. Sie nutzen den Austausch von Symbolen und Herrschaftssprüchen als Signalsystem: „Der freie Mensch ist Krieger“, die Untermenschen und ihre „Familien“, haben zu kuschen, die „Ehe als Institution“ dient der Kindererzeugung, die Frauen sind eine verfügbare Ware, die Arbeiter haben „Sklaven“ zu sein. (Nietzsche: Götzen-Dämmerung , Aphorismus 38-40). Die anarchische Umkehr des Willens zum Leben ist der Vorlauf zum Tode.

Auf die Spitze getrieben wird die Umkehr der Wahrheit durch die Macht, wenn das „Verteidigungsministerium“ der Demokratie in das „Kriegsministerium“ umbenannt wird. Damit hat sich Pete Hegseth, der US-Minister, in Mephisto, den Gehilfen, bei der Zerstörung durch den Angriffskrieg verwandelt: Krieg ist dann Frieden und der Angriff wird zur Verteidigung. Damit ist – wie Orwell sagt – dem „Großen Bruder“ alles erlaubt, weil er der Herr über den Sinn der Begriffe und Umprägung der Wahrheit ist.

Die List der Vernunft – der politische Überschuss an Leben

Treten wir aus dem Rücken des Bösen aus: Nennen wir die Hinterlist der Zerstörung des Lebens die Unwahrheit, dann sehen wir den erweiterten sozialen und kulturellen Suizid. Treten wir in die Vorderseite der Welt ein: Dort zeigt sich das ganze Leben in der Einheit der Erzeugung durch Mann und Frau, in der Mutterschaft und Vaterschaft. Das ganze Leben ist in Wahrheit der positive Lebenswille. Es ist die Herrlichkeit des Weiterlebens der Generationen. Seit es die Menschheit gibt fordert diese Wahrheit im Kern: „Erzeugt und wiedererzeugt, was euch erzeugt hat!“ Dieser positive Grundzug des Lebens ist das Besserwerden, es kann nie das Schlechterwerden als Lebensziel haben. Doch das Schlechtwerden der Eigenwelt gibt es. Früher nannte man es das Böse. Das hat auch seine regelbasierte Ordnung. Kant wusste: Jede „Räuberbande“ baut auf die Regeln der Selbsterhaltung auf, um ihren Erfolg zu erzeugen. Die Mafia, wie jede räuberische Oligarchie, plant den Raub des Eigentums der Bürger, um es in ihren Besitz zu bringen. Der Plan muss bestens funktionieren, sonst scheitert der Raub: Doch diese Ordnung der Räuber kann nie das Handlungsziel der „List der Vernunft“ (Hegel) der Eigentümer sein. Sie entspringt immer dem seelisch kranken Lebensmuster, der Hinterlist der suizidalen Unvernunft.

Das Leben in seinem Lebensschwung – der „ élan vital“ , (Henri Bergson) – kann keine Selbstzerstörung wollen. Als „Aufschwung“ sucht er den Mehrwert des Lebens, die Steigerung, den Fortschritt, die Vorsorge. Die Sorge kreist um eine versteckte und doch unbestreitbare Wahrheit: Der Wille zum Leben hat sich in allen Krisen und Abstürzen unserer Weltgemeinschaft durchgehalten. Dieser Lebenswille will nicht den Tod und das Ende. Nicht das Sterben, sondern das Leben als Hoffnung auf bessere Zeiten. Diese Hoffnung und die Utopie sind die Ziele der menschlichen Kultur und nicht die Dystopie, der Tod oder Selbstmord. Den Beweis für diese Wahrheit liefert unserer Leben: Denn es hat sich bis auf den heutigen Tag durchgehalten, weil wir mit unserer Kultur immer wieder den Willen zum positiven Weiterleben geboren haben.

Doch es gibt die Nachtseite unserer Welt, den Hang zur Zerstörung, den paradoxen Weg vom Täter zum Opfer. Dem Grundwillen zum Besseren steht der dystopische Vernichtungswille zum Schlechteren gegenüber: So ist die verhängnisvolle Lage! Die Nutzung der Überschüsse unserer Zivilisation und Technik führt regelmäßig in den erweiterten kulturellen Suizid, vom Frieden in den Krieg: Er bricht dann, wie der Leviathan – der Ungeist des Krieges – aus den seelischen Abgründen der, am Erfolg irre gewordener Bürger hervor. Sie nutzen ihre schöpferischen Talente (von Bill Gates bis zu Musk) und stellen sie in den Dienst der Kulturzerstörung. Das ist unser Überschussproblem!

Die Aufdeckung des patriarchalen Erbes – der gefälschte Paradies-Mythos

Fragen wir nach dem Wendepunkt des Erfolges in den Misserfolg, so zeigt sich die Unwahrheit als die Rückseite der Wahrheit. Nur aus der Einsicht in die suizidale Struktur – die ein Teil unserer kulturellen Erzählung ist – kann die Rettung kommen. Nun hören wir von Mitbürgern in diesem Zusammenhang immer wieder den absurden Satz: „Es muss wieder mal einen Krieg geben, damit alles besser wird!“ Die Erwartung, die Wende aus dem Stillstand käme durch den Krieg, zeigt: Es gibt einen falschen kulturellen Mythos der uns regelmäßig in die Irre der Kriege und der Selbstzerstörung führt. „Der Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler), dieser Titel – mehr als das Buch selbst – fast den falschen Mythos in einem Begriff zusammen. Obgleich wir es in der Wohlstands-Gesellschaft und der Demokratie der Eigenwerte mit einer Aufstiegs-Gesellschaft, mit einer Überschuss-Gesellschaft zu tun haben, führt uns der Untergangsmythos in den Abgrund.

„Shame on you“ – die Scham über unseren Ungeist

Was uns zur Mangelgesellschaft macht, das ist der Mangel an Gerechtigkeit und Richtigkeit im Wissen und im Fühlen, im Blick auf die Grundlagen unseres Lebens. Wir folgen einer falschen Erzählung, einem Narrativ, dem zentralen Fake News unserer Kultur: Er baut auf dem gekürzten Mythos der Verdrängung von Eva,der Frau und Urmutter, die in sich die Grundlagen des Lebens trägt: Der falsche patriarchale Urmythos zerstört die Beteiligung der Frau und Mutter am Leben der Welt. Dabei kann selbst die Fälschung nicht verbergen, dass es im Urmythos – im Paradies – zwei Bäume gibt: „Den Baum des Lebens“ der „Eva“ heißt und den „Baum der Erkenntnis“ der „Adam“ heißt (AT, Gen., 2, 9). Der „erweiterte kulturelle Suizid“ baut auf die Verfälschung des Grundwertes unserer menschlichen Existenz auf. Die Verfälschung dieses Wertes beruht auf der Zerstörung der Gesellschaft der Eigenwerte. Im Mythos ist ihr Symbol der „Baum des Lebens“. In allen Mythen der alten Gesellschaften wird diese wahre Geschichte der Eigenwerte über die Wiedergeburt sowohl erzählt, als auch verdrängt.

Es wird in der Bibel vom falschen Mythos der „ Ursünde durch die Frau“ gesprochen. Tatsächlich wird dadurch verdrängt, dass Ursünde nie in der Geburt bestehen kann. Wir sollten auch hier das Blatt wenden und von einem Urverrat sprechen. Verräterisch ist ja schon die Rede von der Scham der Frau und dem Schamgefühl, wenn die Urmenschen erkennen – Eva wie Adam – dass hinter dem Schambein die Gebärmutter liegt. Dort ereignet sich der Beginn des Lebens, weshalb Eva „Leben“ heißt, weil sie die „Mutter alles Lebendigen ist“. (Genesis, AT. 3, 20). Dort in ihrer Gebärmutter liegt die „Macht und die Herrlichkeit des Lebens in Ewigkeit.“ So steht es im Buch „Genesis“ – was Geburt heißt – und von der Urgeburt der Welt aus dem Welt-Ei (Asien) erzählt. So lesen wir es in vielen religiösen Texten aller Kulturen der Welt. Diese Mythen sprechen vom Freiheitsdilemma jeder Schöpfung, von einer Wahrheit, die durch keine Verdeckung unwahr wird: Diese Scham ist positiv!

Die erste Wahrheit ist das Wunder der Geburt – dafür muss sich niemand schämen!

Unsere Kultur spricht vom „Wunder der Heiligen Nacht“. Das Leben in seiner Schwäche zu schützen, ist der Beginn der Wahrheit: Adam und Eva schämten sich, als sie diese Wahrheit erkannten. Die Scham ist also ein schöpferisches Gefühl und ein verbergender Gedanke. Der Anfang des Denkens im Gefühls-Gedanken, das Leben zu schützen, geht einher mit dem Gedanken-Gefühl diese Wahrheit zu verbergen: „Shame on you!“ Dieser Protestruf in unseren Tagen enthält und trägt in sich die tiefste Wahrheit. Es ist die Wahrheit, die Schöpfung zu schützen, indem wir sie zunächst verbergen, hinter dem Symbol des Feigenblattes. Der positive Schutz der Frau kippt jedoch durch die ‚falsche Scham’ ins Negative, in die Unterdrückung und den Raub der größten Tüchtigkeit jeder Frau.

In den bestialischen Beschneidungsriten des Urpatriarchats haben wir die Ursünde unserer Kultur vor uns, für die wir uns schämen sollten. Die Vertreibung aus dem Paradies und die Hölle der Welt beginnt im Schmerz und im stillen Schrei dieser Mädchen. Hier beginnt die Zerstörung des „halben Himmels“ – wie der chinesische Mythos sagt – , weil die andere Hälfte geraubt wird.

Wir können diese Zerstörung jetzt als den „freiwilligen“ erweiterten kulturellen Suizid verstehen. Wir dürfen ihn nicht billigen, denn wir begreifen die absurde Verstümmelung als „freiwilligen“ Zwang der Tradition. Denn die verstümmelte Frau ist ein widerspruchsloses Wesen im Besitz des Herrn. Für die Patriarchen ist die Freiheit der Frau die größte Bedrohung, wenn sie als Mensch und später als Bürgerin, ihren Körper als Eigentum besitzt. Aber auch die Großmütter und Mütter die in dieser barbarischen Welt aufwachsen, sind Opfer dieses bestialischen Paktes. Weil sie im Gefängnis dieser Tradition geprägt wurden, verstehen auch sie die Offenheit der Welt als Bedrohung und nicht als Chance zur Schöpfung und zur Freiheit.

Die Fähigkeit zur Selbstunterdrückung ist ein wesentlicher Teil des Gefangenendilemmas. Weil wir das Lebendige wollen, sollten wir die negative Scham überwinden und die Wahrheit dieses Irrsinns als den kulturellen Suizid der Hälfte unseres ganzen Wesens begreifen. Wer die Fähigkeit zur Selbstbefreiung des Lebendigen will, der wird das Gefühl für das Leben wollen! Er wird den „élan vital“, die Selbstschöpfung als seine eigensinnige Geschichte praktizieren wollen!

Die Hinterlist der Unvernunft und der Mangel im patriarchalen Urmythos

Der Kulturkampf gegen die Demokratie dreht sich um ein entscheidendes und absurdes Grundproblem: Wir schließen nicht nur die Hälfte der Menschheit patriarchal von der Macht und vom kulturellen Leben aus, nein viel schlimmer: Wir zerstören mit dem anti-demokratischen Suizid auch die Hälfte der schöpferischen Seite unserer geistigen und emotionalen Welt.

In jeder Restauration erleben wir absurde Formen der Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, die totale Umkehr des Willens zum Leben in den Willen zum Tode. Das ist der Faschismus, der aus den verschiedensten Formen des Bonapartismus hervorgeht. Die Entmachtung der Wahrheit der Eigenwerte durch den Ausschluss der zweiten Hälfte unseres Wesens ist ihr fataler Ursprung. Alle diktatorischen Systeme bekämpfen – einerseits – den Fortschritten der Zivilisation und nutzen doch – andererseits – zur Vernichtung des Bürgertums diesen Fortschritt. In Deutschland haben unsere Väter und Mütter diesen „Untergang“ im nationalsozialistischen Faschismus erlebt.

Was können wir gegen diesen Irrsinn der „freiwilligen“ Selbstzerstörung tun? Es gilt zunächst zu verstehen: Der Wille zur Macht und die Unterwerfung der Menschen und des Bürgers sind die Grundübel. Sie öffnen den Weg in den Ausschluss der Mitbestimmung und der Selbstbestimmung. Es gilt die Unterwerfung des menschlichen und später des bürgerlichen Eigentums in der Stadt zu verhindern. Nach dem Kriege führte in Deutschland diese Schubumkehr zur Explosion der Freiheit und zum Grundgesetz. Sie ist die besten Verfassung, das Erbe unserer Verfassungsmütter und Verfassungsväter an uns.

Die positive Scham – die Liebe zum Erfolg der Eigenwerte

Nach dem Zusammenbruch des Systems der „freiwilligen“ Selbstverstümmelung des deutschen Volkes durch den faschistischen Mythos, mussten unsere Mütter und Väter zunächst den zivilisatorischen und kulturellen Suizid akzeptieren. Die Trümmerlandschaft der Städte war ja eine unübersehbare Realität. So lag die Trauer und die Scham über das Geschehene wie ein unsichtbares Netz über dem Land. Sie zerriss nicht am Tag und nicht in der Nacht in den Albträumen unserer Mütter und Väter: Wir, die Nachgeborenen, hörten ihre Schreie, aber verstanden sie nicht. Wir spürten nur ihre „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich) über den gegangen irrsinnigen Weg. Die stille Scham über das Erlebte verschluckte die Implosion der Verdrängung. Auch ich habe die negative Scham nicht begriffen, die in der Seele meiner Verwandten herrschte. Als die Nazis an der Macht waren, war das Volk machtlos. Erst nach dem Krieg explodierte bei einigen – nicht bei allen – ein Wissen in der positiven Scham über das eigene irrsinnige politische Verhalten.

Die positive Scham – über den Verlust an Leben und Kultur – kommt jedoch in jeder Nachkriegszeit zu spät. Im Bewusstsein der Völker entsteht dann eine diffuse Grundstimmung. Sie gleicht der Meeresoberfläche vor einem Tsunami und war doch immer schon ein Nachbeben. Denn es sind die Fehler vergangener Zeiten die der Zerstörung durch Kriege vorausgehen. Zu verspüren war und ist die unsichtbare Grundspannung im Untergrund unseres Volkes noch heute, oder heute schon wieder. Erst nach dem Krieg entstanden Formen des Fremdschämens über den eigenen Wahnsinn.

Bei uns Nachfahren begann – spätestens nach den Auschwitz-Prozessen – ein radikales Nachdenken und Anklagen.

Für mich gibt es ein Fazit aus diesem Fremdschämen:

· Nur wenn wir das Schamgefühl in das Gefühl der Verantwortung übertragen, können daraus die eigentlichen Fragen nach der zukünftigen Schöpfung des Lebens werden.

· Nur in der Liebe für unsere Kinder und zukünftigen Generationen entsteht die Wende zur Schöpfung ohne falsche Schamgefühle.

· Nur wenn wir die suizidale Anklage gegen unsere eigene Historie überwinden, können wir neue Geschichte machen.

· Nur wer seine Vergangenheit in der Erinnerung behält und würdigt, aber auch kritisieren kann, der hat eine Zukunft.

· Nur wer in einer positiven Scham seine eigene Erbschaft rettet, wird verstehen, warum die Nächstenliebe (Empathie) durch die falsche Scham zerstört wird.

· Nur aus der Nächstenliebe, aus der Liebe zur Schöpfung der Frauen und der Männer, kann die Versöhnung (Amnesty) in der Zukunft entstehen.

Wir können aus der Erkenntnis über den freiwilligen, erweiterten, sozialen und kulturelle Suizid (Nietzsches) unserer Elterngeneration lernen:

Es gilt den erweiterten und kulturellen Lebenswillen der der Eigenwerte zu entwickeln.

Fürstenfeldbruck 14.04.2026 ©

Dr. Xaver Brenner



[1] Platon: Kriton, 50d – 51b.


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