Zweiter Brief:

Gegen den anschwellenden Wutgesang
– für den Mut zur demokratischen Eigentumsgesellschaft

Die Welt der gefühlten Wahrheit


1 Der Aufstiegs- und Abstiegsweg und die Furcht vor der kommenden Zeit

Liebe Hörer, Leserinnen und Leser.

Ich möchte Ihnen im Folgenden zuerst eine alte Geschichte aus der Entstehungszeit der Demokratie in Griechenland erzählen. Sie werden vielleicht fragen: Was haben diese alten Geschichten mit der Corona-Krise zu tun? Vieles, wenn nicht gar alles. Im Gegensatz zu den alten Hinter-Welten, der Clan- und Feudal-Gesellschaft, steht im Zentrum der Vorder-Welt der Demokratie die Erfindung der Zukunft. Der Grund dafür ist: Die Demokratie hat als ihren Quellkern die Erfindung einer zukünftigen Welt in der Stadt.

Schon hier treffen wir auf die erste Schwierigkeit des Denkens. Wir denken spontan was wir sehen, aber wir sehen nicht sofort, was wir denken. Während man das Land und seine Ordnung sieht und das Wachstum der Pflanzen, kann man in der Stadt die Ordnung der Gesetze und das Wachstum der Wirtschaft nur an ihren Resultaten sehen. Die Brücke zwischen Sichtbarkeit der Welt und der Unsichtbarkeit ihrer Gesetze und Ordnungen müssen wir denken. Denn die Ordnung, auf der die Existenz der Stadt und ihr Wachstum aufbauen, sie sieht man nicht. Trotzdem funktioniert oder funktioniert unser Leben nach unsichtbaren Regeln, wie z.B. der Straßenverkehr. So verhält es sich auch mit der unsichtbaren Gerechtigkeit. Noch niemand hat sie je persönlich gesehen. Und doch ist sie anwesend. Sie organisiert unsere Gespräche über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Auch wenn jeder unter gerechten sozialen Verhältnissen etwas anderes versteht, so hat die Gerechtigkeit doch für uns alle ein gemeinsames Merkmal:

• Sie entstand als Ordnung in den Regeln des Zusammenlebens. Sie kommt als Erbe aus der Vergangenheit.

• Sie regeln als traditionelle Ordnungen unsere Gegenwart. Und so werden wir auf das Ordnungs-Phänomen auch in Zukunft treffen. Also stehen alle Sozialverhältnisse in der zeitlichen Spanne zwischen Vergangenheit und Zukunft.

• So stehen die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit, wie die Wahrheit und Lüge unter einem doppelten Grenzproblem von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Während man die Resultate einer vergangenen Gesellschaft noch an den Lebensverhältnissen sehen kann, trennt uns die Zukunft durch das unsichtbare Zeit-Verhältnis des unbekannten Kommenden.

Dabei sind sowohl die Vergangenheit als letzte Raum-Zeit wie auch die Zukunft als nächster Zeit-Raum unsichtbar. In die vergangenen Zeit-Verhältnisse kann nicht mehr eingegriffen werden. Selbst wenn man das wünscht. Niemand kann ein anderes Erbe antreten, auch wenn er das möchte.
Und für die zukünftige Zeit gilt: Sie ist noch nicht entstanden. Und dann gilt ein drittes und vielleicht wichtigstes Zeitverhältnis: Die in der Vergangenheit geschaffen Verhältnisse kommen nicht wieder. Zumindest nicht als dieselben. Deshalb können wir im vierten Zeit-Verhältnis – dem gegenwärtigen – nicht ungeschehen machen, was damals an sinnvollen und unsinnigen Handlungen geschah. Agathon, der Komödiendichter und Zeitgenosse von Sokrates, spricht über diese Zeit- und Sinngrenze.

„Denn dies allein bleibt auch Gott versagt: ungeschehen zu machen, was geschehen ist.“ [1]

Der Satz ist das Fundament des ersten Existenziales der Zeit. Die Bibel hat dieses Existenzial durch den Engel mit dem Flammenschwert in ein Bild gefasst. Er lässt niemand in das Paradies zurück. Freud sagt an dieser Stelle: Der Rückkehrwunsch in die Mutter sei die Ursache aller seelischer Regression. Doch der Regressions-Wunsch, wie Freud ihn als Oedipus-Komplex sah, ist nicht der Wunsch, zurück in die Mutter zu gehen. Das Oedipus-Problem wird getragen durch den Expansions-Willen, über die Natur hinaus in die soziale Welt hinein-zu-gehen. Der Gang in die soziale Welt erscheint bei Oedipus als ein überschießendes Verhalten. Es will in Wut und Zorn auf die Vergangenheit des eigenen Herkommens und seine Zukunft  noch einmal, unter selbst gewählten Bedingungen, erneut beginnen zulassen.

An dieser Stelle trennt sich beim Menschen die Angst um das natürliche Leben durch die gewusste Furcht um die eigene Sterblichkeit. Die Furcht ergibt sich durch das Denken. Und wie wir aus dem Mythos vom Paradies wissen, ist die Frucht vom Baume der Erkenntnis das Symbol eines zweifachen Erkenntnisgewinnes. Wir sehen durch sie den Abschied von der Natur. Einmal entstehen im Denken die Zeit von Vergangenheit und Zukunft. Der Griff zum Apfel der Erkenntnis der Gegenwart hält auch noch ein Geheimnis für uns bereit. Doch diese Frucht öffnet sich mit jeder Menschengeburt das Tor zur Welt. Natalität – Geburtsfähigkeit – nennt das Hannah Arendt. Sie erzeugt mit der Geburt jedes Menschen die Menschheit mit. Aber mit der Geburtsrealität, die der Mensch nun denkt, wird auch die Geburt der Furcht vor dem Kind mitgeboren. Mit der Frucht des neuen Lebens tritt uns eine überwältigende Gegenwärtigkeit entgegen. Sie birgt in sich aber auch das Geheimnis der geistigen Furcht vor dieser leiblichen Frucht. Ein Paradoxon! Die Geburt ist nämlich das Zeichen der Sterblichkeit, des Generationswechsels. Der Volksmund sagt an dieser Stelle: „Wenn in einer Familie einer geboren wird, stirbt ein anderer.!“ Diese existenzielle Realität erfasst Hegel mit dem Satz: „Mit der Stunde der Geburt ist die Stunde des Todes gesetzt.“ [2] Aber der Satz beherbergt eine zweite, hintergründige Realität. Das Geheimnis dieses Satzes liegt in seiner sozialen Wahrheit: „Mit der Stunde der Geburt ist der Wille zur Überwindung des Todes und die Erfindung des sozialen Lebens in die Welt gesetzt.“ Dieser Wille tritt uns in seiner vielschichtigsten Form in der Oedipusgeschichte entgegen. Sie ist für uns und die gesamte Menschheitsgeschichte maßgeblich. Denn in Oedipus‘ Geschichte ist der destruktive Angst-Wunsch nach dem eigenen Leben, mit dem konstruktiven Furcht-Willen zum sozialen Leben, untrennbar verknotet. Es ist die Aufgabe der Philosophie, seit Sokrates diesen Knoten zu lösen und ihn nicht zu durchschlagen. Durch Sokrates‘ Erkenntnisse über den Weg zum Selbst, zum Subjekt und zur demokratischen Gemeinschaft ist das möglich geworden.

Das neugeborene Leben will in dieser Welt um der Welt und seiner Existenz willen – unbedingt ein „Jemand“ werden. Es wehrt sich mit jedem Atemzug ein „Niemand“ zu sein. Immer wieder werde ich Sie und mich auf der Suche nach der Erfindung des Sozialen an dieses Roten Faden entlangführen. Ich werde Sie und mich an diese Grundstruktur des Eigenlebens erinnern. Nur wenn wir ihm folgen, werden wir den Gegensatz von schöpferischer Zerstörung und kreativer Schöpfung verstehen.

Im Mythos von Oedipus ist der Gegensatz im Menschenpaar – Láios und Iokaste – repräsentiert. Sie sind Eltern geworden, wollen aber nicht Eltern sein. Im Oedipus-Mythos ist diese Tragödie im Weg der kreativen Schöpfung eines Menschen zusammengefasst. Oedipus, das Kind, will sich nicht zerstören lassen. Diese alte Geschichte gibt uns Auskunft über das untergründigste soziale Problem im System der Menschheit. Er zeigt den verschlungenen, komplizierten, aber schöpferischen Überlebenswunsch des Einzelnen und der Menschheit. Er kreist um den Eros, die Liebe und die soziale Verantwortung. Und er zeigt das Gegenstück. Freud nannte das Gegenstück den Thanatos, den Todestrieb. Das war nicht falsch. Das Gegenstück hat Freud – seiner Zeit entsprechend – leider nur naturalistisch gedacht. Denken wir den Thanatos im Feld des Sozial, so müssen wir den Todestrieb dort als den zerstörerischen Schöpfungswunsch verstehen. Er liegt auch allen gegenwärtigen Restaurationsversuchen in unserer Gesellschaft zugrunde.

2 Ein Jemand-werden und nicht ein Niemand-sein!

Den falschen, weil destruktiven Schöpfungswunsch habe ich meinem Buch zur „Geburt der Kultur“ als Oedipus-Problem beschrieben. [3] Oedipus möchte, dass alles was mit ihm geschah, noch einmal von vorne beginnt, so wie er es will. Er hat erkannt, dass er ohne rechtmäßige Herkunft ein „Niemand“ ist. Diese Nicht-Existenz will er auf alle Fälle beenden. Aber er kann nicht ungeschehen machen, was an ihm und mit ihm geschah. Er – wie wir auch – stehen auf den Schultern vergangener Generationen. Für sein und unser Herkommen bedeutet dies: So richtig sicher sind wir nie, wer unsere Eltern sind?! Sicher ist nur die Vorprägung. Sicher ist nur die Erfahrung durch ihre Erziehung. Eine Erfahrung, die wir gemacht haben und die wir nicht mehr ändern können. Für ihr soziales oder asoziales Handeln sind wir die unschuldigen Erben. Wer sie auch waren, sie haben uns in diese Welt gesetzt. Oedipus ist auch hier der extremste Fall. Er ist der Erbe seiner Vorfahren. Sie haben ihn als Königssohn um sein Erbe gebracht. Deshalb ist Oedipus, nach dem Gesetz, ohne gesicherte Legalität. Trotzdem ist er der legitime Erbe seiner Eltern. Selbst als sie ihn verstießen war er doch der unbekannte Sohn seines leiblichen Vaters Láios und seiner leiblichen Mutter Iokaste.

Die Tragödie des Oedipus birgt so die tiefste Geschichte über die Furcht vor der kommenden Zeit. Um diese Furcht und die Sehnsucht nach ihrer Überwindung zu verstehen ist es hilfreich, uns die Geschichte nochmals vor Augen zu führen. Wir werden dabei – quasi im Nebengang –auch das erste Existenzial der Zeit aufdecken:

• Das Wesen des ersten Existenzial der Zeit sind der Wandel der Zeit und das Wissen um die unabweisbare Erbschaft der Vorzeit.

• Die Erbschaft der Vor-Zeit ist unsere Basis. Ihr ist beim Entstehen unserer Eigen-Welt und unserer Eigen-Zeit nicht zu entgehen. Sie macht uns zu gegenwärtigen Opfern von vorzeitlichen Tätern. Ob sie sich ihrer Tat selbst bewusst oder nicht bewusst sind. Sie verschulden unsere Gegenwart.

• Um diesen Zeit-Kern dreht sich das Oedipus-Problem. Um es zu begreifen müssen wir den Begriff der Schuld verstehen.

Hier treffen wir auf die geerbte Schuld der Vorfahren und ihr Verschulden, oder das Verursachen unserer Zukunft. Hier öffnet sich die Wende-Zeit.
Oedipus war schuldlos und ohne Verantwortung als er von Láios mit Iokaste gezeugt wurde. Als sie vom Orakel in Delphi erfuhren, dass ihr Sohn den Vater ermorden würde und mit der Mutter Kinder zeuge, da fürchteten sie sich vor dieser, ihrer Leibesfrucht. Einen Menschen mit dieser Zukunft wollten sie nicht in die Welt setzen. Wie aber konnte Láios das wissen? Er konnte es nicht wissen, weil niemand die Zukunft kennt. In Wahrheit folgte er nur seiner Furcht vor der kommenden Wende-Zeit und seinem Wunsch nach Unsterblichkeit. Darüber hinaus verstieß er gegen die Grundlagen des Lebens. Er war getrieben vom Wunsch nach dem Stillstand der Zeit. Wer aus Furcht vor der Zukunft der eigenen Kinder ihnen das Leben verwehrt, der zerbricht die Grundlagen der Menschheit.

Für diese zerstörerischen Konstruktionen im seelischen Leben seiner leiblichen Eltern war Oedipus nicht schuldig / verantwortlich. Das Verhängnis (gr., moíra) geht in dieser mythischen Geschichte von Láios und Iokaste aus. Sie sind die Täter. Er ist das Opfer. Ihre verhängnisvollen Konstruktionen sind sein Schicksal. Er ist nur Erbe. Erbe sowohl ihrer Umstände als auch von zerstörerischen Ursachen und verhängnisvollen Rück-Wirkungen. Sie opfern ihn!

Für sein Leben war Oedipus erst verantwortlich / schuldig, als er aus dem Nebel der Gerüchte am Hof seiner Zieheltern, König Polybos und Merope von Korinth erfährt, dass er ihnen „untergeschoben sei“. Das Gerücht ist eine gefühlte Wahrheit. Doch es erweckt das wahre Gefühl der Verunsicherung.
„Was bin ich?“ Die Zieheltern gaben ihm darauf die wahre, aber paradoxe Antwort. „Du bist ein Königssohn!“ Diese Antwort war in diesem Fall eine „wahre Lüge“. Sie wurde ihm gegeben vor dem Hintergrund der Frage nach den leiblichen Eltern des Königssohnes. Der bohrenden Wesens-Frage nach seiner wahren Herkunft weichen Polybos und Merope aus. Auch sie wollen den Stillstand und fürchten die Zeiten-Wende. Obgleich Oedipus den König Polybos von Korinth, „für seinen wahren Vater“ hält und Merope für seine liebende Mutter, so spürt er doch eine ihm unerklärliche Differenz.
Oedipus muss sich auf die Suche nach seinem Wesen machen. Er will seine leiblichen Eltern finden, sehen und sie zur Rede stellen. Denn für das Erbe seines Wesens, seines Zornes, seines Willens und seiner Wut konnten die Zieheltern nicht die ersten Ver-Ursacher sein. „Wer bin ich?“ Diese Frage sucht den eigenen Charakter vor dem Hintergrund der geerbten Eigenschaften.

Das zumindest suggeriert Sophokles, wenn er in seiner Tragödie Oedipus nach Delphi stürmen lässt. Auf dem Wege dorthin trifft er in einer Engstelle des Weges auf seine leiblichen Vater Láios. [4] Die Engstelle war kein christlicher Kreuzweg, sondern der griechische Dreiweg des Mythos. Er steht symbolisch für die ungewisse Herkunft aus dunkler Vorwelt und für die beiden Alternativen der Zukunft. Der eine Weg führt in die unsichtbare Vernunft durch Reflektion. Sie wird im Mythos durch Delphi repräsentiert. Delphi ist der Ort und seine Riten stehen für die mythische Schöpfung des Geistes. Die Pythia soll das unsichtbare Rauschen den Geist in ihrer Trance sichtbar und hörbar machen. [5] Der andere Weg war im griechischen Mythos der heroische Weg zur zukünftigen Macht. Wir sehen Oedipus hier als Räuber, denn er raubt in Delphi dem Orakel das Geheimnis seiner Macht. Es ist das Wissen um den subjektiven Schöpfer-Geist. Oedipus liest das Motto über dem Eingang:
„Erkenne Dich selbst!“ Gewöhnlich übersetzen wir es in diesen harmlos erscheinenden Worten. Doch es ist seine versteckte Wahrheit, die es zu einem gewaltigen Satz macht. Das Selbst in diesem Satz meint den Geist. Und das Erkennen ist sowohl der Geburtsort des Geistes als auch seine Schöpfungstat. Sokrates wird das ganze Geheimnis später lüften.

Oedipus sucht nur sich, seine verlorene Identität und seine verlorene Macht als Königssohn. Er geht in der dynastischen Geschlechterreihe unter, wenn er sich nicht selbst als heroischer Mensch erfindet. In der damaligen Clan-gesellschaft war nur der ein Mensch, der in adelige Tüchtigkeit ( àreté) die eigene Selbstmacht ergriff. Und nur der war ein Selbst (aùtós), der den Griff zur Macht als heroisch-gewalttätige Tat durchführte. Oedipus dechiffriert entlang dieser adeligen Erkenntnis- und Selbstschöpfungslinie für sich die Weisheit Delphis. Und das Ergebnis war für ihn sein Weg zur Macht: „Erkenne, dass Du ein Mensch bist!“ Der Erkennende ist durch seine Erkenntnis mächtig. Ein Macher, der so mächtig ist, dass er auf die Rätselfrage der Sphinx von Theben antworten kann. Er kennt die Lösung des Grundaxioms der sozialen, der menschlichen Zeit. Die Frage nach dem geheimen Wesen der Wandlung lautete im Rätsel der Sphinx:

„Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“ [6]

Oedipus antwortet: „Es ist der Mensch. Als Kind geht er auf allen vieren. Als Erwachsener geht er auf beiden Beinen. Und als Greis braucht er einen Gehstock. Dann geht er auf dreien.“ Das Grundrätsel der menschlichen Zeit hat er damit geöffnet. „Des Rätsels Kern bildet das Wissen über den Wandel der Zeit.“ [7] Die Zukunft ist neu zu erfinden. Die menschliche Zukunft wird hier mit dem künstlichen Stock charakterisiert. Der Mensch ist ein Wesen des Wandels. Er weiß um das Wesen der Zeit als den Wandel aller Zeiten. Er ist durch seine Kunstfertigkeit auch der Herr der sozialen Zeit. Weil er Veränderungen denken kann, kann er sie auch erzeugen. Später wird Oedipus in Theben den Kampf gegen die fremde, ägyptische Sphinx, als das Symbol einer fremden überlegenen Macht anführen. Aus dem Stock wird die Waffe. Als Anführer wird er diese Macht stürzen. Er ist der Herr des Wandels.

Die Macht zu erobern, durch die Lösung des Rätsels der Sphinx ist das eine. Die Macht in die soziale Zeit hinein zu erhalten, aber verlangt nach einer zweiten Fähigkeit. Die demokratische Macht der Selbstlenkung und Selbsterfindung durch innere Transformation hat Oedipus nicht. So führt ihn seine heroische Wut und sein Zorn zur Selbstzerstörung nach Theben. Dort heiratet er seine leibliche Mutter. Sie besitzt als verwitwete Königin die Macht. Wenn er sie heiratet wird er der Erbe eines Thrones, den er durch die Ablösung seines Vaters – unter normalen Umständen – sowieso eingenommen hätte. Die Umstände sind aber nie normal, unter denen wir die Erben der Eltern werden. Sie sind immer außergewöhnlich. Am Ende sind sie tot und wir leben. Was ist daran normal, was menschliche? Was die Regel, was die Norm des sozialen Lebens? Mit welchem unsichtbaren, aber mächtigem Geist können wir die ungewöhnliche, diese ungeheuerliche Situation des Generationenwandel meistern?

Im Falle des Oedipus steht im Zentrum die Unsicherheit. Darin unterscheidet er sich nicht von uns. Es geht auch bei ihm um den Gewinn oder den Verlust der Handlungsfreiheit.

„Diese Unsicherheit wird zur ständigen Quelle seines unbändigen Zorns (òrgé). Als er Korinth verließ, war sein leitendes Motiv der Zorn. Er hatte Oedipus’ erste Lebenskrise veranlasst. Es treibt ihn sein Leben lang um. Erst am Ende versteht er seine Lebensaufgabe. Sie bestand auch in der Transformation seines Zorns. Doch das hat er Zeit seines Lebens vollkommen missverstanden.“ [8]

Nur durch die Transformation der Kraft des Zornes in die schöpferische Kreativität der Selbstschöpfung hätte es ihm erlaubt, an der entscheidenden Stelle und in dem entscheidenden Augenblick seines Lebens einen Schritt zur Seite zu treten. Er hätte seinen wütenden Vater Láios vorbeistürmen lassen sollen. Das wäre der Augenblick seiner Selbstschöpfung gewesen. Der Austritt aus dem Zorn (òrgé) in die Erzeugung einer Geltung ( chremáta) durch das eigene Selbst (aùtós). Im chinesischen Tai-Chi besteht diese Haltung für ein Wissen und ein Tun. Das Wissen besteht im bewussten Zur-Seite-treten. Als Tun lässt es die Kraft des Angreifers ins Leere laufen. Die Bewegung zur Seite nutzt die angreifende Kraft zur eigenen Verteidigungs-Aktion. Das bewusste und gleichzeitige Tun des zur-Seite-tretens dient mir als Beispiel für ein überlegtes Verzeihen. Für eine Generosität und Humanität, die aus Stärke und nicht aus Schwäche besteht. Diese Tüchtigkeit (àreté) hatte Oedipus erst am Ende seines Lebens, als er als Kolonos dem Tod den Vortritt ließ. [9]

Im Leben müssen wir lernen bestimmte Situationen sterben zu lassen, um dem gegenwärtigen Leben den Vortritt zu geben. Diese Einsicht kommt nur zustande, wenn wir die sokratische Transformation der Wut und des Schmerzes beherrschen.

Oedipus ist „schuldig“, also verantwortlich, gegenüber der zukünftigen sozialen Zeit. Schuldlos aber der vergangenen Welt und der elterlichen Vor-Zeit gegenüber. „Schuldlos schuldig“ hat Sophokles diese grundsätzliche Position des Menschen in seinen Oedipus-Tragödien genannt. [10] Was können wir daraus für unsere heutige Zeit – und das erste Existenzial der Zeit, den sozialen Wandel – lernen? Wir, wie Oedipus auch, wir haben uns die Eltern nicht ausgesucht. Deshalb ist er – wie wir auch – der schuldlose Erbe ihrer sozialen Verhältnisse. Und er war – wie wir auch – der schuldlose Erbe ihrer Furcht vor der Zukunft. In seinem Fall fürchtete der leibliche Vater Láios, vom Sohn ermordet zu werden. Das hatte einen historischen Grund im Verhalten der alten Dynastien. Um der Erhaltung der Dynastie willen durfte damals der alte oder schwache König von seinem Nachfolger ermordet werden.[11] Die Dynastie sollte als das größere System überleben.

Trotz der Vorprägung hätte Oedipus die Chance gehabt, aus dem Verhängnis auszutreten. Er hätte seine Wut und seinen Zorn als Kraft gegen die Selbstzerstörung nutzen können.

Was lernen wir daraus für unsere Zeit? Auch bei uns gibt es dieses Furchtverhalten. Es existiert auch bei uns eine Furcht vor der kommenden Zeit. Auch in unserer Zeit trifft die Furcht als Wut den zukünftigen Nachwuchs als dem Zeichen der eigenen Sterblichkeit. Die Flucht vor der Sterblichkeit erscheint auch bei uns, in der extremsten Form, in der Sehnsucht nach der ewigen Jugend. In dieser falschen Haltung zum Leben erscheint der Nachwuchs als sichtbare und fühlbare Bedrohung. Eben als reales Zeichen der eigenen Sterblichkeit. Ich habe schon einmal Hegel mit den Satz zitiert: „Mit der Stunde der Geburt ist die Stunde des Todes gesetzt.“ [12] Der Satz gilt allerdings mit einer unsichtbaren, aber hintersinnigen Erweiterung.
Die übersehen wir meist durch die Fixierung auf Anfang und Ende. Was als Menschenleben gesetzt ist, das heißt hier, „in die Welt gesetzt“. Das Kind ist damit geboren. Wir sind vor allem in die Mitte der Zeit gesetzt, als in diese Welt hinein-geboren. Mit dieser Geburt hat vom Beginn an unsere Zeit eine Richtung und ist eine soziale Zeit. In der Mitte der Zeit – der Gegenwart – entsteht der unentrinnbare Wandel. Und die listige Richtung der Zeit ist nicht nur ihre Unumkehrbarkeit. Die Zeit öffnet sich in jeder Gegenwart nur nach vorne. Und dort wartet auf uns die offene Ungewissheit des Lebens. Das Unsichtbare der Zukunft wird nur sichtbarer, die soziale Zeit wird nur zur Gewissheit, wenn wir sie in der Sorge um das gute Leben sicher machen. Unter dieser Perspektive ist mit der Geburt des Kindes zwar die Ablösung des eigenen Lebens als Schicksal der Zeit gesetzt. Aber es ist eine positive Ablösung möglich. Er oder Sie – meine Nachfolger – werden und dürfen an meine Stelle treten. Dieses hintersinnige Element der Erweiterung des ersten Existenziales der Zeit: Die soziale Konsequenz der Geburt der Kinder. Sie wird von uns nur zu häufig übersehen. Im Oedipus-Problem ist die soziale Zeit der Verantwortung anwesend. Aber Oedipus praktiziert nur die negative Seite. Wir sollten den Nachwuchs lieben und fördern. Wir sollten also die positive Seite leben, nicht wie Láios aus Furcht vor der Ablösung zerstören. Nur in dieser positiven Wendung können wir die unvermeidliche Ablösung mit einem sozialen Sinn erfüllen. Nur so können wir den Nachwuchs lieben und fördern. Das gelingt jedoch nur, wenn wir das Problem des Vergehens und des Entstehens existenziell sichtbar machen. Bei Hegel erscheint uns beides nur als logische Konsequenz der Zeit. Im wirklichen Leben bleibt bei Hegel zu oft existenzielle Konsequenz und sein Werden unsichtbar. Tatsächlich erscheint das Werden als herausforderndes Heranwachsen des Nachwuchses. Der Nachwuchs soll positiv als kreative Schöpfung über uns hinauswachsen. [13]

Oder die Nachfahren sollen eben kein gelingendes Leben haben. Das werden sie dann nicht haben, wenn wir ihre / seine Zukunft zerstören lassen wollen oder selbst zerstören. Das führt dann zum System der schöpferischen Zerstörung.

Ich werden in einen späteren Brief über die narzisstische Struktur der Tyrannis sprechen. In der Scheidestelle – das erste Existenziales der Zeit – versucht der Tyrann, der Zukunft und damit den Bürgern seinen ewigen Stempel aufzudrücken. Er will aus der Zeit nicht weichen. Er will logisch gesprochen kein neues Entstehen zulassen. Denn das würde sein Vergehen bedeuten. Das Vergehen seiner Macht aber ist das Entstehen der Bürgermacht aus der Tat und dem Entschluss zur Freiheit.

3 Die Furcht vor der Freiheit der Welt-Zeit

Was bedeutet das erste Existenzial der Zeit nun für uns? Wir müssen Probleme lieben lernen, wie wir das Vergehen lieben lernen müssen, damit auch in unserem Leben ein neues Entstehen entsteht. Denn der Stillstand ist der Tod im Augenblick und die Zerstörung der zukünftigen Zeit. Die zukünftige Zeit als gelingendes Leben kann es nur als kreative Schöpfung geben. Láios hätte seinen Sohn Oedipus durch den Hirten nicht aussetzen lassen sollen. [14] Denn das ist die Lehre des Sophokles. Die Zukunft kommt als Schöpfungsauftrag sowieso. Entweder als zerstörerische oder als kreative.

Damit stehen wir im großen Feld der Verantwortung. Verantwortung heißt griechisch àpo-krísis, nach der Krise. Also in der Erzeugung einer persönlichen Haltung und Lebenseinstellung, die nach der Transformation der Krise entsteht. Fragen wir jetzt unter welchen Bedingungen die Transformation gelingen kann? Denn jede Krise im Leben erzeugt ein Abschiednehmen, zwingt zu einer Entscheidung. Und Scheiden tut nicht nur weh. Scheiden führt hinein in die Krise. Denn auf die Letzte folgt die Nächste. Krisen geschehen und erzeugen ein Gewühl der Gefühle, eine innere Unübersichtlichkeit. Damit stehen wir in der gegenwärtigen Lage. Sie führt wieder in die sokratischen Grundfrage der Zeit:

• Was kommt im ungewissen Zeit-Raum der Zukunft auf uns zu?

• Was müssen wir kreativ erzeugen, um durch die Schöpfung von Wissen die Zukunft zu meistern? Denn geschenkt wird uns die bessere Welt nicht. Sie wird uns nur zu oft von den kleinen und großen Tyrannen im Leben geraubt!
Warum? Weil wir oft unfähig waren oder sind, uns zu wehren.

• Was hätte also Oedipus tun können? Er hätte aus der Situation des mechanischen Reagierens aussteigen können. Wodurch? Durch die bewusste Übernahme der Verantwortung für sein Leben. Der Jammer über erlittenes Unrecht ist ein jammern über eine vergangene Zeit. Er führt nur zurück. Er bleibt dem Elend der Vergangenheit verhaftet.

• Die Befreiung vom Elend der Vergangenheit beginnt für Oedipus – wie für uns auch – ab und mit dem Zeitpunkt, an dem er und wir selbst den roten Faden des Lebens ergreifen. Und das ist genetisch in der Pubertät. Dort sollten wir die geistige Genesis durch die Kraft des Eros aufgreifen.

Bleiben wir noch einen Augenblick beim Fall des Oedipus: Dort, wo er in der Verfolgung seines Lebens, in den bewussten Handlungen seiner Existenz, seine Zeit und sein Schicksal formt, dort beginnt er aus dem blinden Schicksal herauszutreten. Das Schicksal macht blind, weil wir es nicht mit dem geistigen Auge und der Einsicht in die eigene Seele sehen. Im Mythos blendet sich Oedipus im Angesicht des angerichteten Chaos selbst. Er sticht sich die Augen aus, weil er das von ihm angerichtete Elend nicht mehr sehen kann. Seine beiden Söhne haben sich gegenseitig erschlagen. Eine seiner Töchter, Ismene, hat sich umgebracht. Nur Antigone führt ihn, den blinden Vater nach Kolonos. Dort lässt ihn Sophokles als blinden Seher in die eigene Seele schauen und sagen. „Das nun alles gut ist“, weil er über seine Fehler, wie über das an im verübte Unrecht nicht mehr hadert. In diesem Augenblick tritt Oedipus aus dem blinden Schicksal aus. Er gibt das Jammern über die misslungene Vergangenheit auf. Dann steht er im Mythos zwar an der Schwelle des Todes. Aber auch dort kann und will er für sich die gelingende Zukunft selbst schaffen.

Was heißt das für uns? Die Lösung aus der Verhaftung an die Wut und die Überwindung der Furcht führt in die Gegen-wart als der Warte der eigenen Zeit. Dort können wir der Zukunft entgegen-warten, wenn wir wissen, dass wir den Augenblick der Selbstschöpfung erzeugen können. Für mich ist Oedipus das Musterbeispiel für den halben-richtigen Schritt ins Leben. Er erkannte die Kraft des Denkens, denn er wollte nicht „Niemand“ sein. Sie öffnete ihm den Weg in die zukünftige Zeit der Selbst-Macht. Aber die kreative Verantwortung für sein eigenes Leben gelang ihm nicht. Er wurde nicht „Jemand“ aus sich selbst. Darin wurde er schuldig an seiner Lebenszeit.

Wir sehen, dass er die Kette des Verhängnisses nicht brechen kann. Das sagt sich so leicht. Leicht aber ist es keineswegs. Die Vergangenheit ist ja als Erinnerung immer anwesend. Sie bringt sich im Erinnern immer wieder zur Welt. Dadurch sind wir mit den Wiedergeburten fremder Existenzen in uns konfrontiert. Frei von ihnen werden wir erst, wenn wir die Verantwortung für uns selbst übernehmen. Dazu muss jeder Mensch Meister seiner Rachegedanken werden. Nur dann löst er sich aus den Verhängnissen der Vergangenheit.

An dieser Stelle möchte ich auf das Wesen der Selbstschöpfung aufmerksam machen. Es versteckt sich im hinterlistigen Zeit-Raum des Tat-Menschen. Sie und ich, wir alle stehen immer am Dreiweg. Der Einzelne kann als Täter selbst etwas tun. Dann ist er sein kreativer Selbstschöpfer. Oder er kann als Untätiger die verantwortliche Tat unterlassen. Sowohl für das Tun als auch für die Unterlassung sind wir die gegenwärtigen Veranlasser. Für die entstehenden Tat- oder Unterlassungs-Resultate sind wir schuldig / verantwortlich. An der Zeitschwelle von Zulassen der Zukunft oder Unterlassen der Zukunft geht die Veranlassung für die zukünftige Welt eindeutig auf den Einzelnen über. Sokrates hat diesen Augenblick in der Mitte der Zeit immer mit der Frage und der Antwort gekennzeichnet. Es entsteht hier eine unausweichliche Rückkoppelung durch die Resultate unseres Lebens. Frage und Antwort geht in die Verantwortung über.

Soll das Leben in Freiheit gelebt werden, dann müssen wir das Wesen dieser Freiheit in der Sorge und Vorsorge für die Demokratie erfinden. Die Freiheit ist dann unser Eigentum. Und unser Eigen-Sinn das Bewusstsein, in dieser Freiheit zu leben und durch sie zu immer neuen Taten oder Untaten herausgefordert zu werden. Weil wir eine urbane Gesellschaft geworden sind, kann das nur im Raum der Stadt geschehen. Der weitere Weg in die Zukunft als Fortschritt eines freiheitlichen Denkens ist damit eigentlich der demokratische Weg.


4 Das Wesen der Krise ist die Verantwortung in und für die Welt

Un-eigentlich können wir aber auch in die Restauration der alten Welt zurückfallen. Dann siegen die neuen Clan- und Feudalgesellschaften. Sowohl der Vor-Fall in die Zeit der Demokratie wie der Rück-Fall in die Zeit der Tyrannis der Restauration. Beide Wege sind möglich in der sozialen Zeit. Der Wendepunkt ist dabei immer die unsichtbare Krise.

• In Zukunft werden wir mit noch mehr Krisen zu kämpfen haben, um unser demokratisches Eigentum zu erhalten. Die Krisen werden uns zwingen, die demokratische Freiheit und unseren Eigensinn immer wieder neu zu erfinden.

• Als demokratische Stadtbürger erfinden wir in unserer Kunstwelt geistige Strukturen der Welterzeugung und -veränderung. Hatte die bürgerliche Stadtgesellschaft in der Vergangenheit ihre Krisen und Geburtswehen nicht gelöst, dann ging die neue demokratische Welt immer unter. Hatte sie ihren Weg in die kunstvolle Welt der Demokratie hinein immer wieder neu erfunden, dann stieg sie auf.

• Die Krisen unserer Welt und ihre demokratischen Lösungen haben uns aus der Vergangenheit hierher in die Moderne gebracht.

Grundsätzlich wird in Krisen Abschied genommen. In ihnen schneidet die Zeit das Alte ab und zwingt zum Neuanfang. Krisen sind zeitlich auf den zukünftigen Raum gerichtet. Dort findet der Übergang zu unserer inneren Welt statt. Aber dort finden auch unsere seelischen Reaktionen statt. Im krisenhaften Übergang kann auch der Untergang „erfunden“ werden. Warum? Weil wir in Krisensituationen zunächst in unserer seelischen Welt den Wunsch verspüren, ständig die Folgen der Krisen sichtbar zu machen. Das Alte ist sichtbar, das Neue ist unsichtbar. An dieser Stelle geraten die meisten Menschen in Krisen. Selbst die Stadtbürger möchten nicht Abschied nehmen in der Krise, sondern wiederholen, selbst wenn das alte Opferleben schrecklich war. Immerhin war es real. Irreal aber ist die Zukunft. Sie verlangt nach neuen Opfern. Warum? Weil der zukünftige Zeit-Raum nach handeln verlangt. Dem eigenen oder dem Fremden. Dann kann man Täter oder Opfer sein.

Hier stoßen wir auf den Versuch der Menschen aller Kulturen, das Unsichtbare der Zukunft sichtbar zu machen. Man versucht also mit Hilfe des Geistes und trickreicher Methoden in die Zukunft zu schauen. Horoskope, Wahrsagen, mystische Praktiken, religiöse Versprechungen, Verschwörungstheorien, Prognosen. Wie schon gesagt war der griechische Begriff für die Antwort auf Krisen àpo-krísis. Was Verantwortung heißt, ist aber persönliche Verantwortung für das eigene existenzielle Leben. Das habe ich schon dargestellt. Nun stehen wir vor der sozialen Frage der Krise. Was bedeutet sie grundsätzlich für unsere Kultur? Denn nach der Corona-Krise muss eine Antwort auf die Ursachen und Folgen der alten Krise gefunden werden. Grundsätzlich sollte ja gelten: Wir wollen nicht dieselben Fehler wieder machen. Wir müssen also aus der Krise und ihren aufgeworfenen Problemen lernen. Das wussten schon die alten Griechen. Sie suchten nach Antwort mit Hilfe des Orakels. Sie glaubten die Antwort auf die Fragen der Zukunft im Rauschgerede der Seherin ( pýhtia) in Delphi zu hören und zu sehen: Vorsehung und Vorhersage.
Diese beiden paradoxen Versprechungen sind bis heute in unserer Sprache enthalten. Ersetzt werden sie heute durch die Schaubilder und die Zahlenkolonnen der Prognosen. Von ihnen wissen wir aber, dass es sich um mögliche Szenarien handelt. Die Wissenschaft ist kein Glaube! Sie verändert sich durch neue Erkenntnisse!

• In der Corona-Krise erleben wir aber einen gläubigen Gegenzug.

Er zeigt sich im primitiven Versuch der modernen Clan- und Feudalgesellschaft, diese unsichtbare Welt der Erfindung der Vorsorge zu entwerten. Sie nutzen dazu das Element der Krise und unser Problem mit der Erfindung von Verantwortung. Sie setzen an die Stelle der ungewissen Zukunft und dem Problem der Erfindung neuer Handlungsoptionen, die sichtbare Welt der geregelten Dinge und der alten Lösungen. Der Trick bestand und besteht in der Corona-Krise nun darin, ohne Maske aufzutreten. Bei Xi Jinping, Trump und Bolsonaro erleben wir die Demonstration der Leugnung des Unsichtbaren. Der Herr über die Krisen tritt ohne Maske auf. Er gewinnt mit dieser Tat die Macht über das Unsichtbare.
Tatsächlich ist es ein primitiver animistischer Trick! Warum aber funktioniert er? Spontan wollen die Bürger die Last des geistigen Lebens loswerden. Denn Denken und Handeln ist anstrengend. Probleme zu bedenken, Krisen zu bewältigen und Meister seines Lebens zu werden. Das ist mühsam! Sollen das doch die anderen tun! Sollen sie mir doch die Verantwortung, die Macht und damit die Furcht vor der Zukunftsgestaltung abnehmen. In der Entlastungs-Sehnsucht stoßen wir auf das große Strukturproblem unserer Krisenbewältigung.

Aber nach der Krise ist vor der Krise. Deshalb müssen wir einen Krisenmodus erfinden, um die kommenden Krisen demokratisch zu bewältigen. Nur das wird uns schützen und nur dann wird niemand mehr und nicht weiterhin auf die primitivsten Herrschafts- und Tyrannentricks hereinfallen. Die Bürger müssen erneut lernen sich selbst zu helfen. Gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Das lernt man aber nur durch die unendlich vielen Probleme und unsichtbaren geistigen Aktionen des Lebens.

Hier nun taucht ein weiteres Paradoxon des gegenwärtigen Zeit-Raumes auf:
Mit der Wissensgesellschaft wird das Unsichtbare durch Miniaturisierung nur noch größer. Aber die Digitaltechnik und ihre Schaltkreise werden immer kleiner. Wir sehen nicht mehr was geschieht. Wir müssen also Strukturen und Ideen denken. Hier in der Corona-Krise stoßen wir auf die kleinste Welt der Viren. Die Biologie macht uns dazu die Tür mit dem Mikroskop auf. Alles, was dort geschieht, sehen wir nicht mehr. Gesehen wird nur mit der Technik. Die Risiken, die wir aber in unserer Kunstwelt und in ihrem Zukunftsraum erzeugen, sie werden immer größer. Die Auswirkungen auf den Menschen auch.

Wir müssen also endlich lernen, die unsichtbaren geistigen Grundstrukturen unseres Handelns zu verstehen. Wir lernen nichts, wenn wir vor ihren Folgen und Erfolgen, vor ihren Gefahren und Niederlagen davonlaufen. Wir sind das Problem unserer Welt. Folglich können auch nur wir die Lösung für diese Welt-Probleme erfinden. Wir stehen am Dreiweg von öffentlicher Wirksamkeit – unserer Quellpraxis – und der unsichtbaren Wirklichkeit – unserer Quellstrukturen – des demokratischen Lebens. Die neue Epoche der Demokratie hat die Ordnung dieser unsichtbaren Strukturen im Quellraum der Stadt erzeugt.
Solange wir dieses unsichtbare Zusammenspiel nicht verstehen, werden wir uns vor ihren geistigen Anforderungen fürchten. Dann entstehen Furchtmuster, Furchthandlungen und Fluchtverhalten. Denn wer die Sorge um seine eigene Welt nicht auf sich nimmt, der flieht und wirft sich in die Arme von „Entsorgern“ der Sorge. Und das waren und sind die Tyrannen! Sie versprechen den Stillstand der Zeit und die Rückkehr in eine vergangene Welt. Ein Irrsinn, der aber Methode hat.

5 Die Welt der gefühlten Wahrheit

Sorge und Vorsorge bedrohen uns nicht, fordern uns aber heraus. Beide sind Wegbegleiter und Eröffner von Chancen. Was uns bedroht ist der Wunsch, der offenen Zeit zu entfliehen. Der Wunsch, die notwendige Vorsorge für das eigene Leben abzugeben. Der Vermeidungswunsch ist der negative Begleiter des erfolgreichen Handelns. So wirkt im Schattenbereich der zukünftigen Zeit der Wunsch, vor der Zukunft zu fliehen. Im Zentrum des Vermeidungswunsches wirkt eine kraftvolle, doch negative Sehnsucht. Sie hofft, der Sorge und der Vorsorge für das eigene Leben entkommen zu können.

Dieser Wunsch aber ist ein Gefühl. Mit ihm wollen viele Bürger der Aufgabe entkommen, die Zukunft aus ihrer kreativen Schöpfung zu gestalten. Im Wunsch vor dieser Lebensaufgabe zu fliehen, geraten sie in die Hände der Tyrannis. Sie verspricht ihnen, in einem Gewaltstreich den Gordischen Knoten der Zukunftsgestaltung zu zerschlagen. Sie verspricht die absurde Rückkehr in die Vergangenheit. Doch diese Umkehr der Zeit kann nur gelingen durch die schöpferische Zerstörung des offenen demokratischen Zukunftsweges.

Das ist ein tyrannischer Gewaltstreich. Er gelingt unter zwei Bedingungen. Einmal müssen an die Stelle der Wahrheit der offenen Zeit und der demokratischen Lebensaufgabe, die paradoxe Leugnung dieser schöpferischen Wirklichkeit treten.

Zweitens aber muss bei den Bürgern der Wunsch entstehen, die Zukunft nicht erfinden zu müssen, um dann die Flucht in die Vergangenheit antreten zu können. Am Eingang in diese Fluchtburg der Verantwortungslosigkeit warten dann mit offenen Armen die Tyrannen mit ihren gefühlten Wahrheiten. Mit den Scheingrößen ihrer imperialen Träume – Make America Great – in den USA. In Russland baut Putin am „Zarenreich“. Und im fernen China restauriert das kommunistische Politbüro das konfuzianische „Kaiserreich“. Der Traum der demokratischen Verantwortungslosigkeit ist also nur die andere Seite des imperialen Albtraumes.

Die gefühlte Wahrheit wurde so auf der Basis der Zukunftsverleugnung zum leitenden Wahrnehmungsmuster des Rückfalls unserer Zeit. Mit Hilfe dieses Musters hat in den USA schon Bush jun. im Wahlkampf um die Präsidentschaft 2004[15] den Sieg über John Kerry errungen. Er baute auf die Theorie der „wahren Lüge“. [16] Nach ihr hat der Herrscher – wenn er es kann – das Recht zur Lüge. Warum? Weil sich die Beherrschten ohne Lüge und Täuschung nicht regieren lassen. Diese alte Theorie Platons haben die Konservativen in den USA mit Hilfe von Leo Strauss wieder hoffähig gemacht. Seit Jahren habe ich auf diesen Umstand hingewiesen. Mehr oder weniger vergeblich. Nun hat heute Trump diese Tradition weiterentwickelt. Ich muss sagen, mit einer mephistophelischen Genialität. Trump ist auf den Zug der Gefühle aufgesprungen. Wahrheit ist, was sich gut oder schlecht anfühlt. Damit ist es ihm und seinem Team gelungen, die gesamte politische Wirklichkeit der USA in die „wahren Lüge“ als gefühlte Wahrheit umzupolen. So wie er die Welt sieht und fühlt, so hat sie zu sein. Damit bestimmt er die Rede. Jedes emotionale und egoistische Gerede ist wahr, wenn es zum ökonomischen Erfolg und zur Macht führt. Eine narzisstische und irrsinnige Anmaßung! Denn in der Welt der gefühlten Wahrheit kommt das Leben der anderen Bürger als Leben mit eigenen Rechten nicht vor.

Aber der Wille zur gefühlten Wahrheit der eigenen Welt-Vorstellungen ist nicht nur irrsinnig. Er ist vor allem irrsinnig gefährlich! Mit ihm wurde in der Vergangenheit und wird heute in unserer Gegenwart die Grundlage der demokratischen Gesellschaft zerstört. In ihr müssen wir mit den anderen Bürgern zusammenleben. „Auf Gedeih und Verderb!“ Wobei das alte Wort Gedeih aus dem Gedeihen kommt. Das Wachstum am Gut-tun. Das Sprichwort weiß also sehr gut, dass die andere Seite des gedeihlichen Zusammenlebens der Verderb ist. Das Verderben der Gemeinschaft, der Gesellschaft und der Gerechtigkeit. Für das Gedeihen ist die Einigung über Wahrheit und Lüge existenziell. Was übersehen wir hier nur zu oft? Wir übersehen vor so viel Oberfläche die Hintergrundmuster. Wahrheit und Lüge sind die Oberfläche.
Das Hintergrundmuster bildet jedoch der seelische Raum von Vertrauen und Misstrauen. Für diesen Hintergrund sind Wahrheit und Lüge nur die vordergründige Schaltstelle. Von und in dieser Schaltstelle entsteht das gemeinschaftliche Leben. Geht das Vertrauen verloren, geht nicht nur die Wahrheit verloren.

Mit dem Sieg des absoluten Misstrauens bricht die Basis für das Zusammenleben, das „Ur-Vertrauen“ weg. Mit dem Sieg der Unzuverlässigkeit siegt das „Ur-Misstrauen“. [17] Es entsteht in einem Prozess der inneren Verletzung in der Kindheit. Ein Mensch, der als Kind solches erleben musste, „zieht sich in einer bestimmten Weise in sich selbst zurück, wenn er mit sich selbst und anderen uneins ist.“ [18] Erik Erikson zieht von der frühkindlichen Phase der Einzelexistenz einen Bogen zur Existenz unserer Kultur. Sie wird durch derartig geschädigte Menschen auch zerstört.
Das sind Menschen, die ihre gesamte Kraft in den Prozess der zerstörerischen Schöpfung setzen, wie ich das nenne. Dafür ist Trump für mich das Paradebeispiel. [19]

6 Zerstörerische Schöpfung oder schöpferische Kreativität

So, wie Trump von seinem Vater zerstört wurde, so zerstört er nun seine Umgebung. Denn die zerstörerische Schöpfung läuft darauf hinaus, dass sich der demokratische Mensch nur noch darauf verlassen kann, von den kleinen und großen Tyrannen betrogen zu werden. Die Rechtfertigung für diese Form des Raubtierkapitalismus und seines Betrugs liegt im Erfolg. Das hat Trumps Vater seinem Sohn beigebracht. Der bedingungslose Erfolg bereitet das gute Gefühl, „mit sich selbst eins zu sein“, weil man mit den „anderen uneins ist. (Erikson)“ Damit entsteht die uns allen bekannte Umkehrung des Sozialen ins Unsoziale. Sie führt zur Maxime: „Die Welt will betrogen werden!“ Indem viele Bürger diesen Wahnsinn akzeptieren, verhelfen sie der irren Maxime der Lüge und des Betrugs zum Erfolg. Im Umkehrschluss sagen sie damit nämlich: Ich will mich von ihm betrügen lassen! Ich kann nur nicht so erfolgreich betrügen. Aber ich würde es auch so machen, wenn ich es nur könnte. Das ist die zerstörerische Maxime des „kategorischen Imperativs“ der Lüge. Den Imperativ der Lüge gibt es und ihn gibt es nicht, wie schon Kant gezeigt hat. [20] Aber auch für den größte Lügner gibt es zwei Einschränkungen. Er muss als Wahrheitsprophet auftreten. Er muss erklären, dass er immer die Wahrheit sagt. Denn nur als „wahre Lüge“ ist er erfolgreich. So ist er im Umkehrschluss – wie Kant sagt – der Verteidiger der Wahrheit. Er braucht die moralische Welt der Wahrheit. Denn wenn jeder lügt und jeder weiß, dass jeder Lügt, dann würde keiner einem anderen trauen. Kein Vertrag könnte geschlossen werden. Jedes Wort wäre schon gebrochen, würde es nur den Mund des Sprechers verlassen. Das ist, wie Kant sagt, die logische Seite des Lügen-Paradoxons. Die Belogenen können nur dann belogen werden, wenn sie dem Lügner die Lüge als Wahrheit abkaufen. Was aber ist ihre existenzielle Seite? Der Erfolgsmensch fühlt den Erfolg als Bestätigung der „gelogenen Wahrheit“, auch wenn sie gelogen ist: „Hätten Sie nicht auch betrogen, wenn ihnen der Betrug so leicht gemacht wird?“

Mit der Lügenmaxime der egoistischen Wirklichkeit stehen wir vor der Schaltstelle zur gefühlten Wahrheit. Man will mit den anderen Bürgern nur dann zusammenleben, wenn sie sich den erlogenen Bedürfnissen beugen. In seinem Buch von 2007: Think Big and Kick Ass in Business and Life schreibt Trump, dass es ihm Spaß mache, „die Gegenseite plattzumachen und den Profit abzusahnen“. Und er verhöhnt die Banker, die seine Kredite abschreiben mussten: „Das ist ihr Problem, nicht meins. Ich habe ihnen vorher gesagt, sie sollten mir nichts leihen.“ [21]

Bewusst wird hier die notwendige Kooperation in der einen sozialen Welt durch das Recht auf die Durchsetzung des eigenen asozialen Gefühlsegoismus zerstört.

7 Der freie Wille zur Wahrheit oder Unwahrheit

Für die Philosophie taucht hier das Problem des freien und des unfreien Willens auf. Vor dieser Frage will ich mich nicht drücken. Wir haben gesehen, dass wir uns in einem geistigen Raum aufhalten. In ihm gibt es unsichtbare geistige Strukturen. Sie werden sichtbar in unseren Handlungen und in der Art und Weise, wie wir behandelt werden, oder wie wir behandelt werden wollen. Die Tyrannis, mit der wir gegenwärtig kämpfen, sie ist so frei. Sie stellt uns die Frage nach dem Leben in Freiheit oder Unfreiheit. Die Tyrannen fragen ihre Bürger nach dem inneren Zustand ihres Lebens. Dabei sind Trump und seine weltweiten Tyrannenkollegen clever. Sie fragen nicht: ‚Wollt ihr, dass wir Euch Unrecht tun und Ihr Unrecht erleidet?‘ Sie nehmen diese Frage aus der konkreten Situation und kleiden diese Frage in eine allgemein menschliche Anfrage. Dann hat jeder das Recht und die Freiheit, Unrecht zu tun und andere Unrecht erleiden zu lassen. In dieser Umkehrung wird das Opfer mit auf die Täterseite gezogen. Das haben wir bei Trump gesehen. Wenn jeder lügen und betrügen will, dann darf er es auch, weil er damit erfolgreich ist. In der Frage der Freiheit zur Ungerechtigkeit oder zur Gerechtigkeit wird diese Frage der Freiheit „Unrecht zu tun oder Unrecht zu leiden,“ aber immer im Rahmen einer Gesellschaft von Tätern und Opfern. Die wollen gut oder schlecht leben. So stellt sich die Frage nicht theoretisch, sondern praktisch.

Auch hier möchte ich Euch eine alte, strukturelle aber neue Geschichte über Täter und Opfer, Leiden und Freiheit erzählen. Sie hat schon Sokrates beschäftigt. Als ihn Polos, ein Sophist, auch sehr theoretisch fragte, was denn das größte Übel sei. Einer der „unrecht tut“ oder der andere, der „unrecht erleidet“. Da antwortete Sokrates, das größere Übel liege bei dem, der Unrecht tut, weil er die Gerechtigkeit zerstört. Denn ohne den Kampf um Gerechtigkeit gibt es für Sokrates in der Polis kein gutes Leben. Sie ist eine unsichtbare Ordnung, die das Leben ermöglich oder zerstört. Er meinte: der unsichtbaren demokratischen Ordnung gegenüber müssen wir uns innerlich so verhalten, dass wir sie am Leben erhalten.
Sokrates ist lebensklug und wissensschlau. Er durchschaut die hinterhältige Zuspitzung von Polos. Sie läuft auf die abstrakte Freiheit einer moralisierten Wahl hinaus. Diese Wahl ist falsch. Warum? Weil die Moral moralische Regeln aufstellt. Die können einmal so und einmal anders ausfallen. Je nachdem, wer die Regeln festlegt. In der Existenz gibt es die Moralisierung von Recht und Unrecht nicht. Diese Willkür und ihren Hintergedanken erkennen wir nicht sofort.

Sokrates‘ Gegner wirft eine falsche, wenn auch populäre Alternative auf. Er tut so, als würde er fragen, wie jeder Mensch fragen würde:

POLOS: „Du also wolltest unrecht leiden lieber als unrecht tun?“

Worauf Sokrates die Hinterlist durchschaute. Er nimmt sich aus der falschen Zuspitzung heraus. Er will, wie jeder Mensch, kein Unrecht leiden. Aber er will auch kein Unrecht tun. Also antwortet er:

SOKRATES: „Ich wollte wohl keines von beiden; müßte ich aber eines von beiden, unrecht tun oder unrecht leiden, so würde ich vorziehen, lieber unrecht zu leiden als unrecht zu tun.“

Erst jetzt lässt POLOS seinen Hintergedanken heraus:

POLOS: „Du also möchtest nicht ein Tyrann sein?“

SOKRATES: „Nein, wenn du darunter dasselbe verstehst wie ich.“

POLOS: „Ich verstehe eben darunter das Vorige, daß man Macht habe im Staate,

was einem gut dünkt, auszurichten, zu töten, zu vertreiben und alles zu tun nach eignem Wohlgefallen.“ [22]

Diese Freiheit zum existenziellen Unrecht hat nur der Tyrann. [23] Nun kann man verstehen, warum ich ihn vorhin einen Vampir am Hals der Demokratie nannte. Er etabliert Gesetze und Verordnungen, die ihm als Recht dienen. Recht ist aber nicht Gerechtigkeit. Jede Tyrannei quillt geradezu über von Verordnungen und Erlassen. Die entstehen alle aus der Rechtssetzung der Willkür. Der Tyrann moralisiert sie, indem er sagt: ‚Das würdest doch du auch tun!‘ Die Moral großer Staatsgebilde oder Imperien etabliert hier ihr Recht als das Gewohnheitsrecht, als Machtrecht und als Vergewaltigungsrecht. Existenz-Recht entsteht nicht aus moralischer Rechtssetzung durch feudale Verkündigung. Das Recht als die Gerechtigkeit der demokratischen Existenz ist kein Gewohnheitsrecht der Macht. Seine Macht orientiert sich an der Suche und Erfindung von Gerechtigkeit, die sich nicht aus dem Mut zum demokratischen Eigensinn entwickelt. Das Eigentum und das Eigentums-Recht jedes Bürgers in der Polis ist der Grund, auf dem sie entsteht. Die Basis dieser Freiheit des anderen Bürgers ist dabei das Maß aller gerechten Geltungen.

Aber was schließen wir daraus? Es gibt zwei Freiheiten: Die Freiheit zur Unfreiheit, also zur zerstörerischen Schöpfung und die Freiheit zur selbstbestimmten Ordnung, also die zur schöpferischen Kreativität.

Beide haben sie es zu tun mit dem freien Willen zum Gut-tun wie zum Schlecht-tun.

• Weil wir keine Tiere mehr sind, weil wir in der Menschen-Welt die Freiheit zum unangepassten Naturverhalten haben, sind wir kulturell aufstiegsfähig. Wir sind aber in derselben Welt mithilfe unserer technischen und organisatorischen Mittel auch abstiegsfähig.

• Es gibt einen kulturellen Zwang zur „Schaffung sozialer Institutionen“ (Tomasello[24]). Aber die Freiheit zur Erfindung von Institutionen können wir auch zur Zerstörung dieser Institutionen nutzen. Beides liegt im Wesen der Freiheit. Mann und Frau können durch die negative Seite des freien Willens auch die Unfreiheit wählen. Also hat der Mensch zwei Freiheiten. Vor diesem Phänomen stehen wir! Wäre der Einzelne durch seine Triebe oder seine Kultur determiniert, so hätte er die Freiheit zur Selbstzerstörung nicht. Wären wir vorherbestimmt, so müssten wir uns mit dem Phänomen der Freiheit keine Minute herumschlagen. Auch der Irrtum wäre mit der fehlenden Freiheit nicht mehr existent.

• Darauf baut die dritte Lebensform des Menschen auf. Als Kunstwesen – nicht mehr als Naturwesen [25] – besteht der gesellschaftliche Zwang, politische Institutionen zu erfinden.
Institutionen sind wie Häuser, in denen der Mensch nach gleichfalls erfundenen politischen Regeln lebt. Drei epochale Kulturhäuser haben die Menschen bisher erfunden. Die Epoche der Clan-Gesellschaft, dieFeudal-Gesellschaft und die demokratische Gesellschaft. [26]

• Durch seine Erfindungen – die technischen, die organisatorischen und die politischen – ist der Mensch also kein Mängelwesen mehr.
Er ist zum Überschusswesen geworden. Die Demokratie – als die jüngste Epoche – hat historisch drei politisch-ökonomische und kulturelle Erscheinungsformen entwickelt. Erstens, der antiken Demokratie. Zweitens, die kapitalistische Demokratie. Und drittens die kybernetisch-globalisierte Wissensgesellschaft. An ihrem Anfang befinden wir uns heute.


8 Das kreative oder zerstörerische Paradox von Mangel und Überschuss im Menschen

Jeder von uns trifft in seinem Leben auf das Phänomen des „Wohlgefallens.“ Das ist ein altes Wort, das wir heute nicht mehr verwenden. In der zitierten Stelle sagt Polos: Der Tyrann sei ein Mensch, der alles so einrichten könne, wie es ihm gefalle. Das sei ein Wunschtraum jedes Menschen. Wenn er die Macht hat, dann würde er alles so einrichten, dass alles ihm gefalle. Alle hätten also nach seiner Pfeife zu tanzen, ihm zum Wohlgefallen. Was Polos unterschwellig sagt: Dieser Menschentyp als ein Wunschwesen lebte im Überschuss seines Wohlgefallens gegen die Lebenspraxis der Anderen. „Ihm soll es wohl ergehen, solange er lebt in der Welt!“

Das eigene Wohl liegt ihm am Herzen. Hier trifft er auf den zweifachen Spiegel. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, spiegelt er sich und sein Wohl nicht nur in die Umwelt hinein. Er spiegelt es vor allem in sich zurück. Alles was er außen sieht, soll innen geschehen. Alles, was innen geschieht, soll sich im Äußeren auswirken.

Die Welt ist da zu meinem Wohlgefallen! Alles muss nach meiner Pfeife tanzen. Das heißt, in die existenzielle Innenwelt der gefühlten Wahrheit; übersetzt: Ich bin der Herr der Weltvorstellungen. Zuerst der eigenen, dann der Vorstellung der Anderen. Soweit ich ihren Vorstellungen habhaft werden kann. Die Welt als Vorstellung meines Willens ist beim Machtmenschen die Bühne seine narzisstischen Bestrebungen. Trägt er sie auf der Staatsbühne auf, wird das auf der großen Bühne die narzisstische Spiegelung von Narzissten und seine narzisstischen Bewunderern. Monumentalbauten haben alle Tyrannen hinterlassen. Sie wollten damit ihrer Zeit, aber vor allem der Zukunft den Stempel aufdrücken. Seht her! Ich bin dagewesen. Monumental habe ich die Pyramiden bauen lassen. Das Tadsch Mahal, Versailles; und Trump spielt im Augenblick mit der Idee, sich am Mount Rushmore National Memorial neben den amerikanischen Präsidenten in Stein hauen zu lassen.

Aber der monumentalste Bau aller Narzissten entsteht im Wohlgefühl, in der narzisstischen Bewunderung der Völker zu baden. Sein eigenes Wohl-fühl-Bild soll uns alle umfassen. [27] Der Mangel der eigenen Zeitlichkeit wird in die Unsterblichkeit des Ruhmes gespiegelt. Man sollte sich an ihn ewig erinnern. Es soll im Zentrum stehen. Man soll es sehen. Es soll mir und den anderen ewig gefallen. Aus dieser Gefall-Sucht heraus erzeugt der Narzisst den Wunsch nach dem Überschuss der Zeit. Das übersehen wir zu leicht. Er will sich und den anderen gleichermaßen und ewig gefallen. Hier stoßen wir wieder auf den Immerwiedergang der Zeit. Im Denken findet in jeder Person immer wieder Erinnerung statt. Dieses Phänomen ist die Basis der Idee der Geburt als Wiedergeburt. Diese Gleichsetzung ist treffend, weil sie den Wiederholungsgedanken des Denkens, mit dem Neugeburtsgedanken jedes Denkens und Fühlens in jedem Menschen beschreibt. Sie ist unzutreffend, weil dieser Immer-wieder-Werden aus der Wiederholung austritt. Etwas Neues wird unweigerlich der alten Erinnerung hinzugefügt.

Und genau diese Hinzufügung im neuen Zeit-Raum der Zukunft stört den Narzissten und den Menschen, der in seiner ewigen Wiederholung bleiben will. Wir kennen die Geschichte vom Narzissten, der immer wieder in sein eigenes Spiegelbild schauen will. Es erscheint uns paradox und widersprüchlich. Paradox, weil es den Stillstand ja nicht gibt. Unsinnig, weil die Liebe zu dem ewig gleichen Bild ja das Lebens zerstört. Das Leben, welches der Narzisst in der Faszination seiner Schönheit ja bewundernd am Leben erhalten will.

Es ist die narzisstische Ausschaltung der Zeit, die in diesem Stillstandswunsch alles zerstört. Er möchte die Zukunft ausschalten indem er sie in eine ewige Gegenwart verwandelt. Das ist das geheimste Wesen des Narzissten. Er will nicht leben in die Zukunft hinein, weil er nicht sterben will. Weil eben Entstehen auch Vergehen ist. Und ohne Vergehen nichts Neues entsteht. Dieses Paradoxon unserer Existenz will der Narzisst in all seine Stillstand-Handlungen aus der Welt schaffen. Das ist die Stelle und das Tor in seine Welt der ewigen Wiederholungen von Wunschbildern. Eben diese Wunschbilder liegen in der Zukunft nicht vor. Sie entspringen aber der unendlichen Quelle der vergangenen Erinnerung. Wir müssen uns den See, in den der Narzisst blickt, wie einen durchsichtigen Spiegel vorstellen, in dem er nur seine Vergangenheit sieht. Er sieht darin nicht die schwierigen und schweren Momente seines Lebens. Die kann er ausblenden, weil sie sich in diesem leeren Spiegel nicht zeigen. Darin zeigt sich ein seelisches Element in dem wir alle – auch die Nicht-Narzissten – leben. Wir haben einen Hang zum Erinnern der schönen Gefühle. Wer liebt schon Probleme. Wenn ich in meinen Vorträgen sage: „Wir müssen lernen Probleme zu lieben, weil das Leben nur als próblema auftaucht, an dem man sich stößt, das einen aber auch aufweckt.“ [28] Weil also Leben nur als Problem gelöst und erfolgreich werden kann, weil nur diese Lösung kreativ ist, denn schauen meine Zuhörer zuerst erstaunt und ungläubig. Aber das ist die Realität der Existenz.

Eben dieser Existenz weicht der Narzisst in die gefühlte Wohlfühlwelt der Erinnerung aus. Er will sich nur an die schönsten Momente erinnern. Aber nun steht er vor einem Paradox. Auch diese schönsten Momente sind ja vergangen. Die Traum-Frau und der Traum-Mann, mit der oder dem das ideale Leben hätte stattfinden können, sie ist damals am Strand nicht auf ihn zugekommen. Sie ist gegangen. Aber sie hätte nicht gehen sollen. Hier nun wird der Gedanke des Überschusses missbraucht. Der Narzisst benutzt und missbraucht diesen Teil des Mängelwesens Mensch. Die Fähigkeit nämlich, im Geiste Überschüsse zu erzeugen. Er erfindet eine Illusion.

Die Illusion des Stillstandswunsches übersehen wir. Sie kann irreal die Vergangenheit in die ewige Gegenwart verwandeln. So absurd es klingt. Auch wir leben sehr häufig in diesem illusionären Wiederholungswunsch der Vergangenheit. Die Zeit stillzustellen war schon in der Romantik ein wesentlicher Wunsch gegen die Realität der bürgerlichen Existenz im Wandel.

Aber nicht das ist hier wesentlich. Bleiben wir beim Narzissten, der auch in Goethes Gedicht vom Röslein auftaucht. Es steht auf der Heide und der Knabe brach es, obwohl es doch nicht gebrochen, sondern geliebt und in der Liebe leben wollte. Aber wodurch starb es?

Goethes Gedicht habe ich zur Vorlage genommen um die Haltung des ewigen Narzissten zu beschreiben, der nicht die Frau liebt, sondern den Stillstand der Zeit. Die gefühlte Unwahrheit des Lebens.

An der Schwelle steht ein Knabe

An der Schwelle

zur Zeit

stand ein Knabe,

wie jeder bereit,

ein Herz voll Verlangen,

mit dem Leben ganz neu anzufangen.

Doch schon lange vor der Zeit,

lebte im Auge des Knaben,

dieses seltsame Verlangen,

immer stand diese fragende Sehnsucht bereit.

„Ach hätt‘ ich doch,

als ich noch konnte,

den Rosenzweig gefreit.“

An der Schwelle zur Jugend

steht der Knabe,

die Zeit hat sich zum Leben,

zum Manne

längst befreit.

Jahre sind vergangen,

doch an der Schwelle steht immer noch der Knabe,

und es klingt in ihm dieselbe alte Klage

in jede neue Zeit:

„Ach hätt‘ ich doch

als ich noch jung,

den Rosenzweig gefreit.“

Der Rosenzweig

ist längst vergangen,

geblieben ist dem Mann der Dornenzweig.

Doch aus den Augen strahlt noch immer

dasselbe knabenhafte Verlangen:

„Ach hätt‘ ich doch

zur rechten Zeit,

den Rosenzweig gefreit.“

An der Schwelle

steht ein Mann,

ganz dem Leben zugewandt.

Doch sein Denken,

sein Verlangen

hängt immer noch am Rosenzweig

und immer leuchten noch die Augen,

nach dieser unerfüllten Jugendzeit:

„Ach hätt‘ ich doch

damals die Zeit befreit,

die Rose gebrochen,

diesen wunderbaren Lebenszweig.“

An der Schwelle

steht ein Knabe

und blickt

gar traurig auf sein Leben zurück,

sagt immer noch:

„Ach hätt‘ ich doch nur ……,

was wäre das für ein Glück.“

4.1.1994 Xaver Brenner

Euer / Ihr

Dr. Xaver Brenner

Fürstenfeldbruck 9. September 2020



[1] Agathon, griechischer Komödiendichter; zit. von Aristoteles: Nikomachische Ethik VI. Buch (Gigon), 1139b 10. Siehe dazu auch: Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Mit Sokrates gegen das platonische Paradigma. A. 7.1 Die eherne Zeitschwelle. Würzburg 2016, S. 405 ff..

[2] „Endliche verändert sich nicht nur, wie Etwas überhaupt, sondern es vergeht, und es ist nicht bloß möglich, daß es vergeht, so daß es sein könnte, ohne zu vergehen. Sondern das Sein der endlichen Dinge als solches ist, den Keim des Vergehens als ihr Insichsein zu haben; die Stunde ihrer Geburt ist die Stunde ihres Todes.“ Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik. Bd. 1. B. Die Endlichkeit. b. Bestimmung, Beschaffenheit, Grenze. Werke. Band 5, Frankfurt a. M. 1979, S. 139-140.

[3] Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. 1. Halbband, Teil B. Kap. 2.2 Das Oedipusproblem. S. 465 – 470,

[4] „Durch den Dreischritt zwischen Korinth, Delphi und Theben wird Oedipus für die griechische Tragödie zum Menschen der Selbstgeburt.“ Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Ebenda S. 472 ff.

[5] Gennep, Arnold van: Übergangsriten. Frankfurt am Main 1986

[6] Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums, Kap. 67. Stuttgart: Reclam 1986, S. 259.

[7] Brenner Xaver: Zur Geburt von Kultur, Würzburg 2016, S. 489.

[8] Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Ebenda S. 474, Fußn. 854. „Für den Tragödienbesucher liegt dieses Missverstehen wie eine dunkle Wolke über Oedipus. Der Zuschauer soll die Aufgabe sehen, an der der Held zugrunde geht, damit ihm selbst die Transformation gelingt. Dies ist Teil der Katharsis als die unsichtbare Richtigstellung des Lebens, das den Leidenden auf der Bühne zeigt.“

[9] Oedipus auf Kolonos . Sophokles: Tragödien (Gesamtausgabe der griechischen Tragödien, Teil 3), übers. v. Ernst Buschor. München/Zürich: Artemis, 1979. S. 227. Siehe dazu: Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Ebenda S. 485.

[10] Sophokles: Oedipus auf Kolonos. Tragödien (Gesamtausgabe der griechischen Tragödien, Teil 3), übers. v. Ernst Buschor. München/Zürich: Artemis, 1979. S. 227.

[11] Im Generationenmythos der Zeitgeschichte kommt dies am stärksten zum Ausdruck. Jeder Herrscher schickt den Vorgänger in die Erde zurück, wie Uranos. Chrónos frisst die Nachfolger auf. Nur Zeus wird gerettet. Er herrscht auf dem Olymp, wird aber auch dort ständig von der Vorwelt – den Titanen und Zyklopen angegriffen.
Seinen Sohn, Herakles, lässt er unmenschliche Taten vollbringen und am Ende doch jämmerlich sterben. Er vergiftet sich am Blut der Kentaur Nessos. Jeder Herrscher schlägt den Vorgänger tot. So lässt sich diese traurige Sage verstehen, die doch das Schicksal der Clanherrscher noch heute ist.

[12] Hegel: Logik 1.

[13] Als Hektor im aussichtlosen Kampf zum letzten Mal seine Frau Andromache sieht, mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm: „Dann erhob er die Stimme zu Zeus und den anderen Göttern: / Zeus und ihr anderen Götter, o lasst doch dieses mein Knäblein /Werden dereinst, wie ich selbst, vorstrebend im Volk der Troer, /Auch so stark an Gewalt, und Ilios mächtig beherrschen! / Und man sage hinfort: Der ragt noch weit vor dem Vater!“ Homer: Ilias, 6. Gesan g. Hektor und Andromache, Homilie, Vers 475. Übersetzung J.H. Voss.

[14] Siehe dazu: Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Mit Sokrates gegen das platonische Paradigma. Bd. 1 u. 2, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2016, S. 465 – 470, 1. Halbband, Teil B. Kap. 2.2 Das Oedipusproblem.

[15] Bereits Bush jun. hat über die Chicago-Schule von Leo Strauss und seinen Schülern die Theorie der „wahren Lüge“ gelernt und praktiziert. Siehe dazu: Brenner, Xaver: Von Freunden und Feinden. Über das Wesen des Kulturellen im Gegensatz zum rein Politischen. München. Kommune Frankfurt. 4 / 2009, S. S. 63-67.„Die „wahre Lüge“ aus Platons Politeia wird zum Muster für das doppelbödige Verhalten zu den Massen und zur Wahrheit. Die Lügenpolitik der Neokonservativen um Karl Rove, dem Berater von G.W. Bush, hat hier ihre Legitimation gefunden.“ (Ebenda S. 66)

[16] Bushs Berater in Bedrängnis . (SZ vom 13.7.2005.) Rove enttarnt eine CIA-Agentin, nur weil deren Ehemann gegen Bushs Irakpolitik war. Halbe Wahrheiten und ganze Lügen. Mit diesem Rezept hat Rove die Präsidentschaft John Kerrys verhindert.

[17]Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main 1989

[18] Erik Erikson schreibt dazu: „Als erste Komponente der gesunden Persönlichkeit nenne ich das Ur-Vertrauen.“ (S. 62) „Beim Erwachsenen drückt sich die Verletzung des Ur-Vertrauens in einem Ur-Misstrauen aus. (…) Das Ur-Vertrauen ist der Eckstein der gesunden Persönlichkeit; (…).“ (S. 63) Und weiter schreibt Erik Erikson. „Für den (Säugling) ist der Mund das Zentrum seiner ersten allgemeinen Annäherung an das Leben, und zwar auf dem Wege der Einverleibung.“ (S. 63-64) Eine wunderbare Erklärung für den zarten Übergang, mit Hilfe der Mutter auf dem Weg zur Welt. „Jedenfalls stößt das Menschenkind schon bei seinem ersten Kontakt auf die grundlegenden Modalitäten seiner Kultur. Die einfachste und früheste soziale Verhaltensweise ist das ‚Nehmen‘, nicht im Sinne des Sich-Beschaffens, sondern des Gegeben-Bekommens und Annehmens.“ Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main 1989, S. 62-65.

[19] Siehe dazu auch die Analyse zum Narzissmus von Trump: Die Psyche des US-Präsidenten und das Dilemma der Experten. Ferndiagnosen verstoßen gegen die ethischen Standards von Psychiatern und Psychologen. Doch immer mehr Experten sehen sich sogar in der Pflicht, vor dem geistigen Zustand des US-Präsidenten zu warnen. Süddeutsche Zeitung vom 10. August 2017. Das Buch mit dem Titel: “ The Dangerous Case of Donald Trump – 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a President“ . Bandy X . Lee (Hrsg.): Wie gefährlich ist Trump. 27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie. Psychosozial-Verlag, Gießen, 2018.

[20] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten [1785], hrsg. v. Karl Vorländer Hamburg: 1965, S. 21. Die Diskussion des Lügner-Paradoxons, die Kant dort entwickelt finden Sie in meinem Artikel: www.xaverbrenner.de/ Die wahre Lüge – der Kampf der Demokratie gegen ihre Verderber. November 2016.

[21] Ibrahim Warde: Das Trump´sche Gesetz“. Le Monde diplomatique. Juni 2018, S. 1.

[22] Platon: Gorgias (Schleiermacher), 469c.

[23]Siehe dazu: Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Mit Sokrates gegen das platonische Paradigma. Bd. 1 u. 2, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2016, S. 346-349. Teil A. Kap . 4.4 Unrecht erleiden ist besser als Unrecht tun – der Weg der seelischen Erfahrung . Dort habe ich mich mit dieser Frage eingehend auseinandergesetzt.

[24] In seiner Forschungsarbeit über „kumulative, kulturelle Evolution“ schreibt Michael Tomasello: Warum wir kooperieren: „Wenn dann ein weiteres Individuum eine Verbesserung erfindet, übernehmen wiederum in der Regel alle, einschließlich heranwachsender Kinder, die neue verbesserte Version. Dies führt zu einer Art kulturellem Wagenhebereffekt“. Tomasello fährt fort: „Ebenso, wie sie Gene erben, die sich in der Vergangenheit angepasst haben, erben Individuen somit auf kulturellen Wege Artefakte und Vorgehensweisen, die die gesamte Weisheit ihrer Vorfahren enthalten. Bis heute sind die Menschen die einzige Tierart, die nachweislich Änderungen von Verhaltensweisen akkumuliert, die so immer komplizierter werden.“ Tomasello, Michael: Warum wir kooperieren. (Suhrkamp) Berlin 2010, S. 10.

[25] Unter dem Einfluss der anthropologischen Forschung von Arnold Gehlen und seiner Idee vom Menschen als Mängelwesen, verstand ich diesen Übergang zur Kultur lange Zeit als Verlust. Als Verlust an Natürlichkeit. Das ist er auch. Aber dieser Verlust kommt nur durch die Künstlichkeit zustande. Also ohne Künstlichkeit – als Kultur – gibt es den Menschen als Wesen nicht, das Mängel aufweist und sie empfindet. Weil es sie empfindet und denkt überwindet es diese Mängel auch. Der Überschuss über die Natur hinaus ist das Ergebnis seiner Überschuss-erzeugungen. So ist der Mensch kein Mängelwesen, sondern ein Überschusswesen. Gehlen, Arnold: Anthropologische Forschung. Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen . Reinbek bei Hamburg 1961, S. 64. Voraus ging der Theorie vom Mängelwesen die Einsichten von Max Scheler. Er nannte den Menschen ein „weltoffenes Wesen“. Gehlen nannte ihn dann ein „moralisches Wesen“. Beide Einsichten werden dadurch nicht falsch. Sie gehen nur in die falsche Richtung. So sagte Gehlen: „Er (der Mensch xb) ist ein <Nein-Sager> zum Leben in sich selbst, (…)“. Ebenda S. 7. Zum Nein-Sagen gehört aber immer auch das Ja-Wissen. Auch in der Moral. Die andere Seite von Schwarz ist Weiß. Das wusste schon das chinesische „Buch der Weisheit“, das I-Ging.

[26] Heinsohn, Gunnar und Steiger, Otto: Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft. Marburg 2017, S. 17 und S. 111. Auf der Basis der neuesten ethnologischen Forschungen entwickeln beide Autoren eine fundamental andere Theorie der Kulturentwicklung und der Geldwirtschaft. Für meine Forschungsarbeit zu den Vorepochen und zur Epoche der Demokratie finden sich dort parallele Einsichten.

[27] Trump ist ein Narzisst, der nur ein Motto kennt: „Ich wünsche, dass ihr mich so seht, wie ich mir gefalle!“ Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Mit Sokrates gegen das platonische Paradigma. Bd. 1, Würzburg 2016, S. 264 ff..

[28] „Próblema“ heißt in der griechischen Tragödie, das, woran man sich stößt, was einen aufweckt. Colli, Giorgio: Die Geburt der Philosophie. Frankfurt am Main 1990

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