Rundbrief / Aktuelles

 

Die Welt als Putins Wille und Trumps Vorstellung

Ein Essay über die neuesten Mentalitätszustände

Blicken wir ins neue Jahr 2018, so sind wir zu völlig neuen Projektionen und Prognosen gezwungen. Die Zukunft erscheint ungewisser denn je. Verlässliche Koordinaten fehlen oder gingen uns im letzten Jahr verloren. Verlassen kann sich der Weltbürger nur noch auf das Unzuverlässige. Die Unsicherheit der Zeitverläufe ist zur Normalität geworden. Das Absurde beherrscht die Welt­bühne. Es ist absurd, wenn unsere Welt von Reichtum überquillt und wir mit diesem Reichtum nichts Vernünftiges anzufangen wissen. Verlass ist hingegen auf die Unvernunft und den täg­lichen Irrsinn.

Im letzten US-Wahlkampf gingen dann auch noch jene politischen Koordinaten verloren, die uns zumindest im Westen 60 Jahre Frieden brachten. Mit Trumps Wahl zum Präsidenten hat das Unberechenbare zugenommen. In den internationalen Beziehungen breitet sich die Unvernunft aus. Es herrscht ein System absurder Willkür. So drängt sich die Frage auf, ob sich dieses Nicht-System eigentlich noch verstehen lässt. Was verbindet und was trennt Trump und Putin? Welche Beziehungen gibt es zwischen den Vereinigten Staaten, dem ‚Land der Freien‘ und dem Russland der ‚Trolle und Zarenbewunderer‘?

Die Zukunft hat es sich leider anders überlegt

Eine absurde Lage absurd zu nennen, erklärt weder die Situation, in der wir stehen, noch den Zeitgeist, dem wir ausgesetzt sind. Wir sollten das Absurde durchdringen und versuchen, die Unvernunft zu verstehen. Auch der menschliche Wahn hat Methode!

Lassen wir diesen Gedanken zu, so stoßen wir auf zwei Mentalitätsbestände: unseren Willen zum Leben und Überleben und unsere Vorstellung über die Zeit. Beide stehen vor der unergründlichen Weite der Zukunft. In sie hinein müssen wir uns verwirklichen. Sie birgt unser Schicksal. Weil wir unsere Zukunft nicht kennen, öffnen wir damit unsere Vorstellungs-Welt über neue Zeit-Räume. Von ihnen haben wir weder Erfahrungen noch Ergebnisse. Gerade deshalb müssen wir uns in diese Zeit hinein gestalten. Der Handlungszwang ist der Gordische Knoten, mit dem wir an die Deichsel des zukünftigen Geschehens gebunden sind.

Sprechen wir zuerst von den Herrschenden und ihren Mentalitätsbeständen. In den Augen vieler Bürger sind sie es, die alles verursachen. Sie sind die großen Verführer und die Bürger die Verführten, die unschuldigen Kinder. Aber haben nicht erwachsene Engländer den irren Brexit gewählt? Und Trump? Auch ihn wählten erwachsene Amerikaner. Vielleicht gerade wegen seiner Machtrhetorik und seines Sexismus? Und wie war das in Russland mit der Machtübernahme durch Putin? Konnte er die Macht an sich reißen, weil ihm ein besoffener Jelzin das Tor zum Kreml öffnete? War der politische Abgrund der Oligarchen-Herrschaft damals nicht zu sehen?

Rollt ein steuerloses Gefährt auf den Abgrund zu, so kann das nicht gutgehen! Das weiß man aus Erfahrung. Jeder-mann und Jede-frau kennt auch die Folgen eigenen Nichtstuns. Wer nicht-handelt, der handelt sich eine Niederlage ein! Soweit so sicher! Aber der berühmte ,man‘ ist ja ein Anonymus. Er flüchtet sich ins Nichtstun und weicht dort jeder Verantwortung aus. Schlägt die Zukunft dann doch zu, so ruft er verzweifelt: „Hätte man nicht doch damals …?“ Aber ‚hätte man‘ und vor allem ‚damals‘ sind längst vorbei. So bleibt nur die Flucht in die Ausrede und die Suche nach den Schuldigen.

Natürlich sind wir nicht weise. Die Zukunft ist immer offen. Meist kommt es anders als wir hoffen und denken. Dürfen wir Denken und Handeln einstellen, nur weil wir die Zukunft nicht kennen? Sollen wir nicht gerade wegen der Sorge um die Zukunft der nächsten Generationen vernünftig denken? Ist Vorsorge nicht besser als Nachsorge?

Der Wille zur Verführung und die Macht der Verführer

Machen wir uns – am Anfang von 2018 – die Mühe, die Scheinwahrheiten der Unvernunft zu hinterfragen. Sprechen wir darüber, was die politisch Verführten an ihren politischen Verführern so lieben. Warum hängen sie oft alle ihre Hoffnungen an die Mächtigen? Oft bis zur Aufgabe des eigenen Willens. Wenn sie sich ohnmächtig machen, was bekommen sie für ihre Ohnmacht? Wer für sich selbst nicht mehr sorgen muss, der tauscht für den Verlust an Selbstgestaltung einen Gewinn ein. Er kann die Verantwortung für die Geschichte an die großen Naturen, an die willensstarken Führer abgeben.

Führt hier der Wille zum Opferdasein im Geheimen die Regie? Leisten sich die Bürger den Luxus, die politische Verantwortung aufzugeben? Aber wie jeder Luxus muss auch dieser bezahlt werden! Mit was bezahlt man seinen Ohnmachtswunsch? Ganz offensichtlich mit der Münze der Willensaufgabe. Zu diesem Tausch hat Schopenhauer den Titel geprägt: „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Den Willen beschreibt Schopenhauer als einen unergründlichen und dann doch Grund gebenden Naturwillen. Als Trieb zur Herrschaft unterwirft er sich die konkurrierenden Triebe. Dabei ist der Herrschaftswille nur seine Vorder-Seite. Der Wille zur Unterwerfung aber die Rück-Seite. Denn in der „Verneinung des Willens“[1] zum Eigen-Sinn findet sich die geheime Wende hin zur Unterwerfung. Es sind dann die Tat-Menschen, die den Unterwerfungswillen der Bürger einsammeln. Der Tat-Mensch formt dann aus dem herrenlos gewordenen Bürgerwillen seine Willkür-Gesetze. Nietzsche nennt ihn Zarathustra und prägte mit diesem Mythos im 19. Jahrhundert die Vorstellung vom Herren-Menschen. Der große Gewinner ragt über den Bürger-Menschen hinaus, weil er als Über-Mensch die unterwürfigen ‚Triebmuster‘ der Herde nutzt.[2] Ihr Knechtsbewusstsein und ihr Wille zum Opferdasein sind also die andere Seite seines Willens zur Herrschaft.

Nietzsches brutale und entlarvende Darstellung des ‚Willens zur Herrschaft‘ deckt nicht nur den ‚Willen zur Macht‘ auf. Sie öffnet auch die Tür zur Frage, was die Opfer bewegt und wie der Wille zum Opferdasein mit dem Erfolg der Macht zusammenhängt.[3] Die Macht – das lehrt uns die Erfahrung – rechtfertigt sich immer durch den Erfolg der Erfolgreichen! Nie rechtfertigt sich die Macht der Herren-Menschen (Tyrannen) durch Gerechtigkeit. Die Brücke, über die Verfüh­rer wie Verführte dabei gemeinsam gehen, ist der Erfolg. Denn im Denken der Ohnmächtigen wie der Mächtigen ist nichts so sehr durch sich selbst gerechtfertigt wie der Erfolg.

  • Reich ist der Erfolgreiche, weil der nur durch den Erfolg so reich wurde.

Das ist die Zirkel-Formel des Erfolgs– und Reichtums-Realismus. Diese Formel ist das einfachste und doch prägendste Denkmuster der Massen, wie das der Eliten, wenn beide an den Macht­willen denken. Nach diesem Muster darf Putin 80 Mrd. Dollar besitzen, Villen und Jachten. Einfach weil er es kann, darf er sein Volk ausbeuten. Er ist der neue Zar! Nach diesem Muster darf Trump als Immobilienmilliardär mit seinen anderen Milliardärs-Freunden den amerikani­schen Mittelstand um seine Häuser bringen. Mit seiner Frau Melania einen pseudofeudalen Lebensstil pflegen und Hof halten.

In der Bewunderung dieses machtzentrierten Lebensstils durch die Enteigneten und in der Selbstbewunderung der Enteigner liegt der erste gemeinsame Fixpunkt von Trump und Putin.

Wahre Freunde – gute Feinde

Die machtzentrierten Lebensstile der neuen Oligarchen sind die größte Herausforderung für unsere humane und demokratische Lebenswelt. Wir werden herausgefordert durch zwei Feinde, die zu wahren Freunden werden möchten. Putin und Trump. Ihre Freundschaft werden wir nur dann verstehen, wenn wir ihre gemeinsame Feindschaft begreifen: Im Denken jedes autoritären Herrschers ist ‚der Feind meines Feindes mein Freund‘!

Putins Feinde stecken in der russischen Demokratiebewegung der Städte.[4] Gegen sie stützt er sich auf das rückständige Bewusstsein der Landbevölkerung, die Zarennostalgie und die russisch-orthodoxe Kirche. Alles Mächte, die schon Marx als die Elemente des „asiatischen Despotismus und der Stagnation“[5] beschrieb. Als ein kulturelles Bewusstsein, das Friedrich Engels dann den „Zarendespotismus“[6] nennt.

  • Als Neo-Feudalismus kehrt dieser Despotismus nun nach Russland in der Herrschaftsform der land- und rohstoffbesitzenden Oligarchie zurück. [7]

An ihrer Spitze steht Putin mit der Idee, dass Herrschaft sich durch den Besitz über weite Räume rechtfertigt.

Was verbindet die russische Oligarchie mit Trump und den amerikanischen Oligarchen? In Trumps Wahlkampf trat diese Verbindung als die zweite rückständige kulturelle Struktur unseres kulturellen Bewusstseins zutage:

  • Der versteckte oder offene weiße Neo-Rassismus

Das zweite kulturelle Grundmuster – der Rassismus – geht auf die patriarchale Körper-Leib-Idee zurück. In ihr sind es die besseren Rassen, die durch erfolgreiche Gewalt die anderen zu ihren Sklaven machen. Weil sie das tun und können, haben sie das Recht, die Weltgeschichte zu gestalten (Aristoteles).[8] Mit dieser rückständigen Weltsicht wurde die Sklavenhaltergesellschaft in den USA bis 1865 gerechtfertigt. Sie hat als kultureller Rassismus leider nicht nur in den USA überlebt.

Dieser Rassismus überbrückt spielend leicht Länder- und Nationalgrenzen, denn er ist gepaart mit dem patriarchalen Machismus. Beide Vorstellungswelten zusammen bilden die Brücke zwischen Trump und Putin. Sie verstehen sich bestens als landbesitzende Herren-Menschen und rassisch bessere Menschen. Ihre Erfolgs-Gene sind denen anderer Menschen überlegen. Sie bewundern wechselseitig ihre Erfolge und nennen sich „starke Führer“ (Trump über Putin). Wenn so ein Führer dann auch noch von der russisch-orthodoxen Kirche oder den evangelikalen Christen Zuspruch bekommt, dann wandern beide auch noch über eine metaphysische Brücke. Diese Konstruktion vom besseren Rassemenschen ist zweifach tragfähig und trägt in unserem Falle wahrscheinlich auch noch über die Belastungen der „Russlandaffäre“ hinweg. Es war der Wille Putins, die amerikanischen Wahlen zu beeinflussen und Hillary Clinton als Präsidentin des amerikanischen Volkes zu verhindern. Die zweite große Gemeinsamkeit in der Vorstellungswelt der beiden Autokraten.

Diesen Vorgang aufzudecken, war pflichtgemäß die Aufgabe des FBI und des CIA. Doch ,Trump glaubt erst Putin‘ und nicht den eigenen Geheimdiensten. Ein unerklärlicher Irrsinn? Auf dem Rückflug aus Hanoi, wo er Putin traf, erklärt er den amerikanischen Journalisten: „Jedes Mal, wenn er mich sieht, sagt er ‚Ich habe das nicht gemacht‘, und ich glaube ihm wirklich, wenn er das sagt; er meint es so.“ (SZ, 13.11.2017). Hier ist sie wieder, die gemeinsame Vorstellung der Machtvollen. „Er meint es so!“ Und wenn er und ich es so meinen, dann ist die ‚Welt unser Wille und unsere Vorstellung‘.

In ihrer gemeinsamen Vorstellung war es der Horror, sollte eine Frau, zudem eine Demokratin, auch noch auf den schwarzen Präsidenten Obama folgen. Eine Frau, die als US-Außenministerin schon eine erklärte Gegnerin der russischen Expansions- und Geopolitik war. Mehr gemeinsame Feindschaft ist unter den Freunden einer fossilen Politik – ob auf dem Energiesektor oder in der Öl- und Rüstungsindustrie – nicht möglich. Die US-Journalistin Ryan Lizza sagte dazu auf CNN: „Man weiß gar nicht mehr, wer die Wahrheit sagt, das Weiße Haus oder der Kreml?“ Sicher sei nur, „der KGB-Mann Putin sei für Trump einfach ‚zu gerissen’“. Das ist völlig falsch! Trump und Putin sind sich in ihrem Willen zur Macht ‚zu ähnlich‘! Und in ihrer Feindschaft gegen die Demokratie im eigenen Land sind sie sich ‚zu nah‘! Sie sympathisieren miteinander auf der Basis von Land- oder Immobilien-Besitz und auf der des Rassismus. Die dritte große Gemeinsamkeit der beiden Autokraten.

Demokratische Décadence führt zur dekadenten Demokratie

Wie weit trägt diese neofeudal-neorassistische Koalition? Wo beginnen die traditionellen, geopoliti­schen Gegensätze der USA und Russlands, die Gemeinsamkeit von Putin und Trump zu zerset­zen? Anders gefragt: Kann die Ablehnungsfront von Putin und Trump gegen die Demokratien der Welt auch diese Gegensätze überbrücken? Bekanntlich ist eine Ablehnungsfront eine negative Allianz. Eine Allianz wird durch Feindschaft gegen einen anderen, meist stärkeren Gegner zusammengehalten. Hier ist es die Demokratie.

  • Die Demokratie ist die dritte große Grundstruktur der menschlichen Gemeinschaft. Sie baut auf die Stadt und ihre Notwendigkeit zur Vereinigung und zur Erfindung freiheitlicher Gesetze im Interesse aller.

Auch der demokratische Erfolg geht aus dem machtvollen Willen und der selbstbewussten Vorstellung seiner Akteure hervor. Eine Demokratie lebt und entwickelt sich nur, wenn sie durch Leistungswillen erfinderischer Demokraten als die bessere, gemeinsame Ordnung immer wieder neu geboren wird. Diese Frage lenkt unseren Blick auf die Mentalitätsbestände der Demokraten: Wie willensstark sind die Vorstellungen des demokratischen System in dieser Welt? Was moti­viert sie im Streit um Werte? Wodurch können diese Werte siegen? Diese Frage wird durch die demokratischen Stärken und Schwächen auf dem Feld des Streits um Werte auf dem Hoheits­gebiet des Geistes ausgetragen. Er ist ein Kampf der demokratischen Idee mit der neo-feudal-rassistischen Ideologie.

Nun erleben wir gerade in den Zentren der Demokratien des Westens einen politischen Erosionsprozess. Die Hauptgefahr droht uns durch den Regressionsprozess im demokratischen Zentrum selbst. Der Haupt-Angriff auf die Hegemonie des demokratischen Bewusstseins wird durch reaktionäre Gruppen innerhalb der demokratischen Länder geführt. Auch speisen sie sich aus fossilen und rassistischen Ideen, die im politisch-negativen ‚Erbgut der Demokratien‘ schlummern. Ob wir diesen Verfallsprozess erkennen und wie wir ihm widerstehen, daran hängt das Schicksal unserer Demokratie.

In den USA sehen wir gerade, wie erfolgreich der Angriff der fossilen und rassistischen Vergangenheit auf ihre demokratische Zukunft sein kann. Dieser Angriff zielt einmal auf die Enteignung des geistigen Besitzes der US-Bürger. Es werden vernünftige Gesetze und Regeln aus der Obama-Zeit und davor Stück um Stück in Gesetze und Regeln zu Gewinnmaximierung einer schmalen Oberschicht überführt. Das geschieht seit diesem Jahr hinter einem rassistischen Rauchvorhang. Den Neokonservativen in der Republikanischen Partei geht es darum, die Herrschaft der alten weißen Bürger wieder zu etablieren. Ideologisch wird den Poor Whites vorgespiegelt, nicht Trump, der Immobilienmogul und seine Milliardärs-Freunde seien für den Verlust ihrer Häuser in der Finanzkrise verantwortlich. Vielmehr seien es die armen Zuwanderer, die Schwarzen und insgesamt die unordentliche Demokratie gewesen, die sie enteignet habe.

Diese wahnwitzige ideologische Verdrehung der Tatsachen wird durch eine gigantische Lügenkampagne gestützt. Hier stoßen wir auf das Grundproblem der Décadence innerhalb der Demokratie. Der Verlust des demokratischen Eigen-Sinnes führt zur Zerstörung der Vernunft. Notwendig stellt sich hier erneut die Frage nach der Macht der Verführer und den Gründen der Verführten, ihnen zu folgen. Sie stellt sich nun allerdings auf der Ebene der Lügner und der Belogenen. Durch welches eigene Mentalitätssystem will der Bürger verführt und belogen werden? Und was verführt den Belogenen, die dreistesten Lügen als Wahrheit zu glauben? Die ‚wahre Lüge‘ (pseúdos àlétheia[9]) war ja selbst in der raffinierten politischen Philosophie Platons als solche zu erkennen. Die Eingeweihten und Profiteure der politischen Lüge spekulierten schon in der Antike darauf, dass der Belogene belogen werden will. Warum? Weil er im großen Lügensystem für sich die kleine Nische der nützlichen Vorteile und Interessen sieht. Was lehrt uns das über den Erfolg der Lüge? Die Lüge ist dann besonders erfolgreich, wenn Betrug und Selbst-Betrug zusammenspielen. So wollte die Masse der Trump-Wähler auch die absurdesten Lügen über die Gegnerin Hillary Clinton einfach nur glauben (siehe „Pizzagate“[10]).

Für das politische Lügensystem gilt jedoch, dass die Lüge trotzdem nie als Lüge auftreten darf. Immer muss derjenige, der sie einsetzt oder der sie unterstützt, behaupten, sie sei die reine Wahrheit. Für den moralischen Bereich beharrte Kant deshalb auch darauf, dass ein Lügner, wenn er lügt, immer von der Wahrheit sprechen muss, weil ihm ja sonst keiner die Lüge glaubt.[11] Die volle Lüge des Systems ist die ganze Unwahrheit.[12]

Sprechen wir nun vom Werteverfall im bürgerlichen Lager selbst und damit von den dekadenten Mentalitätsbeständen der Demokratie. Der erste Teil der Décadence besteht im Glauben an die Wahrheit der eigenen Vorstellung von der und über die Welt. Er besteht zweitens darin, dass man die gelogenen Vorstellungen der großen Lügner um seiner eigenen kleinen Vorteile willen glaubt. Diese unvereinbaren Positionen kippen in jeder Wirtschaftskrise und jedem Börsenkrach und führen dann oft bis zum Systemzusammenbruch (1929-1933). Denn die Demokratie bricht immer dann zusammen, wenn die übervorteilende Vorteilsnahme an die Stelle der gemeinsamen Interessen und Gesetze tritt. Wenn alle sich übervorteilen, wird die Korruption endemisch. Die Übervorteilung aller zerstört jedes System.

Der Werteverfall einer dekadenten Traumgesellschaft

Warum führt das Dekadenzverhalten in jedem System – auch in den Diktaturen – am Ende zur Systemimplosion? So geschehen in der Sowjetunion. Weil jeder, der sich in das korrumpierende System begibt, auf den anstrengungslosen Gewinn spekuliert. Das ist ein Gewinn ohne Arbeit oder nur mit derjenigen geistigen Arbeit, die auf die Aneignung der Zivilisationsgüter – Waren – spekuliert. Das sind in unserer westlichen Gesellschaft jene Infor­mationen, mit denen man über die Warenströme auf der Ebene des Geldes jongliert. Der Platz ist die Börse. Auch in früheren Modernen gab es Finanz- und Börsenspekulation. Sie blühten auf dem Boden der Vorstellung vom anstrengungslosen Gewinn. Der ‚Wille zur Täuschung‘ baute schon damals auf ein negatives, betrügerisches Begehren. Auf den Wunsch besser zu werden, schöner zu sein und weniger zu arbeiten als die Anderen. Es sind nicht die positiven Werte der Kooperation, auf die schaffende Bürger aufbauen sollten und stolz sein können.

Der zweite Teil der Dekadenzbewegung entspringt der negativen Begierde. Sie zielt darauf ab, die eigene Lebens-Zeit auf Kosten der Lebens-Welt der Anderen anstrengungslos zu vergrößern. Vielleicht sogar die Zeit zurückzudrehen. Zurück in eine Periode, die ‚man‘ kannte. In der ‚man‘ reich war. In der ‚man‘ versorgt wurde. In das Paradies eines anstrengungslosen Lebens. Diese Traumvorstellung ist kindlicher Natur. Eine Lebenswelt, von der große Kinder träumen, wenn sie nicht erwachsen werden wollen. Denn das anstrengungslose Leben gibt es nur in der Kind­heit. Und selbst dort muss man ‚eigentlich‘ erwachsen werden. Will ein Erwachsener nicht erwachsen werden, so bleibt er nicht nur in der Entwicklung seiner Kreativität zurück. Er tritt nicht in die Selbstgestaltung ein. Er will nur, wie Onkel Dagobert in seinem Geldbunker, mit Goldmurmeln spielen.[13]

Die monetäre Paradiesvorstellung bringt die dritte Ebene der Décadence hervor. Die Gier, ein Leben zu bekommen, das man qua eigener Anstrengung und eigenem Erfindungsgeist selbst nie erreichen kann. In ihrer extremsten Form ist das die Rentiers-Gesellschaft, die wir vor allem vor dem 1. Weltkrieg in Europa hatten. Sie will von der ewigen Rendite leben. Von einem Gut, das sich nicht verändert, aber doch Gewinn abwirft. Stillstand durch Geld-Bewegung.

Diese dritte Form der Gier kippt schließlich in die Bürger-Décadence und erscheint als demokratische Décadence auf der politischen Bühne heute wieder. Die Bürger werden in ihrer Masse angesteckt durch die Übervorteilungswellen. Sie verlieren die Beziehung zur notwendigen Arbeit und zum Erwerb von vernünftigem Wissen. Die Banalisierung greift um sich. Wissen ist Macht, aber Wissensaneignung anstrengend. Banalisierte Unterhaltung (Panem et circenses) erzeugt eine Vorstellungswelt des Traumes und des Truges. In ihr kann man sich selbst um die Realität betrügen und die einfache demokratische Wahrheit vergessen: Demokratien leben von Leistung und vom Engagement für die Gemeinschaft. Wir müssen zuerst eigenes Wissen geben, um dann über den Umweg der Gemeinschaft den eigenen Anteil zurück zu bekommen.

Umgekehrt sucht die Gier nach einer Minimierung der Anstrengung. Wissensstreit wird auf das Niveau der wohlfeilen Information über ein Leben ohne Arbeit gedrückt. So wird nach Informationen gesucht, die eine gelungene Übervorteilung der Übervorteiler erzeugen. Diese Informationen machen die Runde (beste Anlagetipps!). Es entsteht eine Lebens-Welt in den Übergangsphasen. In ihr haben sich die früheren Modernen aufgelöst. Periodisch erschüttert die bürgerliche Welt – angefangen von der holländischen Tulpenblase (1637) bis zur Bitcoin-Blase (2017) – die Übervorteilungslust.[14] Man weiß, dass man listig den anderen Listigen überlisten will und spielt doch mit, weil der Erfolg den Erfolg rechtfertigt und Geld nicht stinkt (Pecunia non olet).

Europa muss sich besinnen und den dekadenten Werteverfall bekämpfen

Durch die Form der Nutzung zivilisatorischer Mittel – heute ist es die Computertechnik – öffnet sich der vierte Aspekt der demokratischen Décadence. Die Ordnung der Gesetze wird zerstört. Sie besteht nach wie vor in der Erfindung der besten demokratischen Gesetze durch die Bürger und für die Bürger. In der vierten Phase der demokratischen Décadence werden Gesetze jedoch nicht mehr daran gemessen, ob sie dem Allgemeinwohl dienen. So in der Immobilien- und Finanzblase von 2007/8. Sie sollen und dürfen nur noch dem egoistischen Einzelwohl dienen. Trumps „America First!“ heißt im Umkehrschluss: Mir zuerst das Meiste und die Brosamen denen, die mich walten und schalten lassen. Das demokratische Gruppeninteresse degeneriert zum oligarchischen Einzelinteresse. Der Tat-Mensch wird gepriesen, weil er die bürgerliche Lethargie zumindest dann überwindet, wenn er auf seine Raubzüge geht. Der Leviathan ist nun nicht mehr der Staat. Er besteht aus den Gruppen an Oligarchen, die sich den Staat zunutze machen. Die Börsenmethode der Übervorteilung wird durch sie auf die Ebene des Militärs gebracht (Aufrüstung bei Putin und Trump). Der oligarchische Staat wird zum Instrument der militärischen Übervorteilung. Die Kriegsdrohung wird zum Mittel der Diplo­matie und das führt dann in den wirklichen Krieg.

Die Aufrüstung ist die vierte große Gemeinsamkeit der beiden Autokraten (Putin und Trump). Der Krieg findet heute schon an unserer Ostgrenze in der Ukraine statt. An unserer Südgrenze – im vorderen Orient – haben wir den Irak und den Syrienkrieg. Libyen ist ein gefallener Staat. Im Jemen tobt ein Bürgerkrieg. In Afghanistan und Mali steht noch immer oder neuerdings die Bundeswehr.

Europa und seine Bürger haben im Angesicht dieser Lage immer noch ein Willens- und Vorstellungs-Problem. Lange wollten sie sowieso nicht sehen, dass sie in der globalen Welt als aufgespaltene Kleinstaaten nicht bestehen können. Nun hat sie Trump im Westen aufgeweckt und Putin im Osten durch den Ukraine-Krieg erschreckt. Wirklich im Inneren erschüttert hat die Europäer aber erst die Abspaltung der Briten im Brexit. Ein vernünftiges und seit Jahrhun­derten um die Demokratie kämpfendes Volk wie das der Engländer begibt sich freiwillig auf den irren Pfad der Kleinst-Staaterei. Vernünftige Bürger kehren der Realität in der Welt den Rücken und suchen nach dem alten, verlorengegangenen Empire. Dieser politische Irrationalismus hat viele Bürger der Rest-Gemeinschaft aus dem politischen Schlaf geweckt. Sie sind im letzten Jahr massenhaft auf die Straße gegangen (Pulse of Europe), um ihren Politikern zu zeigen, dass sie von ihnen eine proeuropäische Politik erwarten: Ohne Europas Vereinigung wird es für uns keine Sicherheit und keinen Frieden geben!

Die wahnwitzige Leugnung der Wirklichkeit – siehe das Klimaproblem – haben die meisten Europäer begriffen. Welche Wege aus dieser Irrationalität führen und wie die politischen Schritte aussehen ist noch nicht klar. Sie müssen aber gesucht und erfunden werden. Noch haben wir in Europa die Wahl.

  • Wir können den Weg in die notwendige, aber anstrengende und auch kostspielige europäische Zukunft wählen. Jeder Euro in den Frieden investiert ist besser als einer in den Krieg.
  • Wir müssen begreifen, dass Handelsbilanzüberschüsse nur Papiergeld erzeugen. Es verbrennt, wenn die Schuldner zahlungsunfähig sind.
  • Wir sollten begreifen, dass jeder Euro, den wir in Europa zur Modernisierung der Volks­wirtschaften anlegen und den wir in Bildung stecken, ein Investment in die Zukunft ist. Wir sollten die europäische Vereinigung als ein Kulturprojekt verstehen.

Doch leider hat sich seit der Wahl von Macron zum französischen Präsidenten bei Europas Bürgern wieder eine fatalistisch-demokratische Normalität eingestellt. Nach der Niederlage von Le Pen und dem France National waltet im europäischen Bewusstsein wieder der Verwaltungs­modus. Die europäischen Demokratien warten ab. Aber durch Abwarten kommen keine besseren, nur schlechtere Zeiten. Tatsächlich lauert der Nationalismus in Europa in vielen Parteien und in allen europäischen Ländern.

Den Streit mit dem Nationalismus – nicht mit Nationen und Ländern – müssen wir als einen politischen Kampf um die geistige Hegemonie verstehen. Wir müssen uns tatsächlich gegen die ‚fünften Kolonnen‘ des internationalen Nationalismus zur Wehr setzen, wenn wir den Kampf um unsere Zukunft nicht verlieren wollen.

Unsere Gegner gewinnen, wenn wir die demokratische Décadence zulassen. Das ist die Lehre aus 2017. Sie sollte uns motivieren, 2018 als das Jahr der Chancen zu begreifen, die in jeder Zeit und in jeder Herausforderung stecken.

 

Ihr

Dr. Xaver Brenner

 

[1] Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zürich 1988, Bd. 1, § 60, S. 428 – 430.

[2] Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, (Aphorismus 22), KSA, Bd. 5, S. 332-333.

[3] Brenner, Xaver: Zur Geburt von Kultur. Mit Sokrates gegen das platonische Paradigma. D. Kap. 8.1.4 Drei Varianten des abendländischen Genialitätswahns. Würzburg 2016, s. 1317 ff.

[4] Er schließt systematisch jede Wahlalternative durch die Nichtzulassung anderer Kandidaten aus – wie im aktuellen Fall Nawalny – um sich in einer total manipulierten Wahl wählen zu lassen. Siehe: „Die imitierte Demokratie.“ Der Spiegel, 1 / 2018, S. 68 – 71.

[5] Marx, Karl: Marx an Engels (14. Juni 1853), Berlin 1970, MEW, Bd. 28, S. 268.

[6] Friedrich Engels: Flüchtlingsliteratur . V. Soziales aus Rußland, MEW, Bd. 18, 563-564. Engels schreibt hier von der „naturwüchsigen Grundlage für den orientalischen Despotismus“ der im Landbesitz von Großgrundbesitzern und Großbauern besteht.

[7] Wirtschaftspolitisch entstehen Oligopole. In Russland sind es das Rohstoffoligopol und die Rüstungsindustrie. In den USA im Augenblick die Verbindung der Öl-Industrie (Fracking), mit der Immobilienwirtschaft. Die dritte Macht ist der militärisch-industrielle Komplex. Auch er ist oligopolistisch organisiert. Es gibt nur wenige Anbieter. Und die nutzen ihren Einfluss auf den Staatsapparat um Extraprofite zu machen. Siehe meinen Rundbrief vom 28. Februar 2017: Trumps oligopolistische Politik und die Demokratie. Nachzulesen auf meiner Internetseite: www.xaverbrenner.de

[8] Der amerikanische Rassismus und die Idee der Sklavenhaltergesellschaft gehen auf das Altertum zurück. Aristoteles hat die Sklaven als „Instrumentum vocale“ beschrieben. Aristoteles: Politik, Erstes Buch, Kap. 4,  1253 b 32. Sie sind Wesen, die eine sklavische Natur haben, weil sie „ihre Aufgabe im Gebrauch ihrer Körperkräfte finden und bei denen dies die höchste Leistung ist, diese sage ich, sind Sklaven von Natur, für die es besser ist, (…) als solche regiert zu werden (árchesthai), (…).“ (ebenda, 1255 a 18-20) Das Regieren (árchein) ist dann die Fähigkeit, den Regierten entlang seiner sklavischen Natur zu unterwerfen. Indem der Unterworfen das zulässt, sich nicht wehrt sondern duldet, zeigt er, dass er von Natur (phýsis) ein Sklave (doúlos) ist. Die Grundgedanken des Rassismus und der des Despotismus kreuzen sich und verschränken sich hier. „Die Wissenschaft, Sklaven zu erwerben (…) ist eine Art von Kriegskunst oder Jagdkunst.“ (ebenda 1256 a 40) Aus der Fähigkeit zum Erfolg in der Sklavenjagd geht die Berechtigung zum dauernden Besitz des Gejagten und seiner geistigen Unterwerfung hervor.

[9] Platon: Politeia. VII, (Schleiermacher), 543 b-c.

[10] Die vielleicht absurdeste Geschichte in dieser Zeit war das sogenannte „Pizzagate“. Im Netz kursierte eine Verschwörungstheorie, nach der im „Pizzariarestaurant Comet Ping Pong in Washington (…) sich in Wahrheit die Schaltzentrale eines Kinderpornorings“ verberge: „Die Köpfe: Hillary Clinton und (…) John Podesta.“ http://www.spiegel.de/panorama/justiz/washington-mann-stuermt-mit-waffe-wegen-pizzagate-eine-pizzeria-a-1124399.html

[11] Kant, Immanuel: Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie. 2. Abs. (V 4, 39f.). Es ist hier nicht der Ort, den Unterschied zwischen dem moralischen Rigorismus Kants im Umgang mit der Lüge zu diskutieren. Für seinen kategorischen Imperativ braucht er die logische Formel, nach der die Lüge sich als Wahrheit geben muss, weil nur auf der Wahrheit ein System von Gesetzen möglich ist, aufgebaut zu werden. Kant: Grundlegung zu Metaphysik der Sitten, 1. Abschnitt, Von der gemeinen sittl. Vernunfterkenntnis z. philosophischen. Hamburg 1965, S. 20-21.

[12] Das lässt sich in Abwandlung eines berühmten Adorno-Satzes sagen, der da lautet: „Das Ganze ist das Unwahre!“ Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Frankfurt a. M. 1980, Gesammelte Schriften Bd. 4, S. 55. Vor allem die neo-rassistische Lüge arbeitet mit der ideologischen Überführung der wahren Interessen der Herrschenden in die Mittäterschaft des beherrschten Volkes.

[13] Siehe dazu, Fromm, Erich: Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie [1946]. Stuttgart 1982, S. 120 – 121. Fromm  greift Freuds These vom „primären Narzissmus“ auf und sagt „Liebe zu sich selbst“ ist nicht „identisch mit Selbstsucht“, denn die „Liebe zu mir selbst ist untrennbar mit der Liebe zu jedem anderen Menschen verbunden.“

[14] Crouch, Colin: Postdemokratie, Frankfurt a. M. 2008

 

top

3279total visits,2visits today