Rundbrief / Aktuelles

Die Ungewissheit des absurden politischen Raumes

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

die Nachrichten aus der Politik der größten Weltmacht werden immer absurder. ‚Trump twittert und die Welt erzittert!’ Das ist leider die politische Wahrheit in unseren absurden Zeitläuften. Wobei die ‚Wahrheit‘ sich in die Wahrnehmung der Täuschung und der Lüge aufgelöst hat. Doch der Ort der Lüge war schon immer imaginär. Der Raum unüberprüfbarer Gerüchte. Nun hat die „wahre Lüge“ (Platon) im Internet ein weltweites technisches Instrument gefunden. Von dort her ergießt sich nun eine Flut von Fake News schwarmartig in unser Bewusstsein. Was Kafka in seinem Roman „Das Schloss“ ein „Leben im Ungewissen des Absurden“ nennt, ist heute mit derInformations-Gesellschaft eingetreten, die eben auch zu einer DesinformationsGesellschaft wurde. Kafkas Herr Karl, der Mensch im Ungewissen, das sind wir. Wir sind wie er überflutet von Nachrichten, Gerüchten, Halbwahrheiten und ganzen Lügen, die aus ihrer reinen Existenz die Behauptung ableiten, wahr, weil vorhanden zu sein. Das eben ist absurd. Nur weil etwas existiert, ist es nicht wahr. Nur weil etwas wirksam ist, ist es nicht vernünftig. Nur weil etwas Macht hat, ist es noch nicht gut. Die faktische Macht der Informationen überflutet schon bei Kafka das Dorf und die Masse seine Bewohner. Sie verlieren in der Flut der Gerüchte nicht nur die Orientierung. Die Flut aus dem Schloss dringt in sie ein. Sie schwimmen in ihr und lösen sich in ihr auf. Ihr Bewusstsein wird zum Gerücht, und das Gerücht ist ihr Bewusstsein.

Diese absurde Umkehrung erleben wir auch heute. Das Schloss, das sind die Machtzentren der Welt. Und die Welt, das sind wir, überflutet von den Informationen, die sich aus den Schlössern dieser Welt auf uns ergießen. Die Welt ist ein Netzwerk geworden. Und doch ist sie gleichzeitig auch das Schloss einer geschlossenen und doch wieder auf absurde Weise unendlich offenen Netzwerk-Gesellschaft. Was, wo, wie, wann an gefälschter Information produziert wird, um als ‚wahre Nachrichten‘ jedermann zu verunsichern und dadurch einzufangen, das ist unsere absurde Lage.

Der demokratische Schwarm und die undemokratische Verführung

Was ist in der Ebene der Welt und in den Herrschaftszentren – dem digitalen Dorf und dem Schloss der Informationsmacht – geschehen? Das Internet wird als Schwarminstrument benutzt, um über die digitale Wirksamkeit die Frage nach dem ethisch guten Leben zu verdrängen. Bisher gingen wir euphorisch von einem offenen demokratischen Internet aus. Die große Chance für eine demokratische Gesellschaft. Das Internet – so die Hoffnung – würde wie ein Meer an Information von einer demokratischen Schwarmintelligenz (Marvin Minsky) genutzt. Weil der Schwarm sich immer im Streben nach dem Wohlstand reproduziert, will er das Informations-Meer nutzen, um gut, ja besser zu leben. Dazu braucht der Nutzer richtige und keine falschen Informationen, denn nur zu überleben ist nicht intelligent, wenn man gut leben will.

Heute ist selbst bei den Schwarmtheoretikern die Ernüchterung groß. Im demokratischen Schwarm existiert nämlich eine Schattenseite: Gut ist dort, was der Masse als gut erscheint. Und das ist das Gestern. Dieser Teil des demokratischen Schwarmes kennt nur das Gestern und fürchtet sich vor dem Morgen. Schon deshalb darf es die neue Zeit nicht geben. Die neue Technik nutzt er blind und ist doch zuweilen erschrocken über ihre Folgen. Er will dann zurück, nicht nur verharren. Doch die Zeit spielt bei diesem Rückgang nicht mit. Sie lässt sich nicht umkehren. Jeder Tag beginnt im Osten mit dem Sonnenaufgang. Doch weil die menschliche Zeitvorstellung auch mit dem Wunsch arbeitet, kann er sich im Wunsch vorstellen, dass alles noch einmal ganz anders von vorne beginnt.

Das ist die falsche Zeitvorstellung. Die Fälscher dieser Zeit sind die ewig Gestrigen, die die Zeit umkehren: Die Sonne soll im Westen – in den USA – aufgehen, damit sie im Osten – in China – untergeht. Doch der Wandel der Welt orientiert sich nicht am paradoxen Rückkehrwunsch der Weltverhinderer (Trump). Die fossile Zeit und die alte Industrie, sie werden dann eben durch Zölle geschützt. So werden auch noch schlechte Waren attraktiv und gute Waren aus dem Ausland – hier Europa – so verteuert werden, dass man die heimischen schlechteren wieder verkaufen muss. Dieses absurde Umkehrwerk erleben wir heute in den USA. „America first“ – das Absurde soll zum Normalen und das Normale zum Absurden werden.

Die gewünschte Ohnmacht

Wir stehen hier vor der Schattenseite der Bürgerexistenz. Nun kommen jedoch aus den Schlössern der Welt – aus Washington, Ankara, Teheran, Moskau, Peking und Pjöngjang – im Tagestakt absurde Nachrichten. Es scheint, dass einige der Schlossherren ein Leben in der Feindschaft favorisieren. Sie sprechen vom Wirtschaftskrieg und einige führen schon den wirklichen Krieg. Nicht den gegen die Armut, wie einst Kennedy, sondern den um Marktanteile und Rohstoffe. Der Krieg zwischen den Völkern wird als die neue unausweichliche Realität beschrieben, obschon er doch bei der atomaren Bewaffnung der Kontrahenten eine Horrorvision ist.

Nun sehen wir, dass es auch in den demokratischen Völkern mehrere Schwachstellen gibt. Der Schwarm erlebt von Zeit zu Zeit, dass er sich teilen lässt durch die Haifischmenschen. Sie kommen aus den Schlösser und Verwaltungen der Welt, die der Schwarm eigentlich gebaut hat, um für sich gut leben und sich besser organisieren zu können. Die Organisationen sind undurchsichtig geworden. Die Technik erscheint unbeherrschbar. Das Ausmaß der Welt groß und global wie der Ozean. Dem Schwarm geht die Übersicht verloren und mit ihr die Intelligenz. Die Elite herrscht in den Schlössern und inszeniert die Macht als eine unbeherrschbare Übermacht. Das teilt den Schwarm. Es gibt da jene, die die Ohnmacht wünschen und das Unglück, weil sie sich dann nicht mehr um die Macht und das Gelingen kümmern müssen. In diesem Teil geht die Idee des Zusammenschlusses verloren. Damit beginnt das Leben im Absurden.

Die Informationen aus den Schlössern werden als die eigeneWunschvorstellung geglaubt. Und so wird der Wunsch der Haifischmenschen vom großen Fressen zum Bedürfnis eines Teils des Schwarmes, von den Haifischen gefressen zu werden. Im Meer der Information wird das zur Huldigung, ja zur Anbetung der falschen Eliten: Trump, Putin, Erdogan, Kim Jong-Un. In diesem Teil des Schwarmes entsteht das Bedürfnis, sich die Ohnmacht zu wünschen. Doch wer die Macht der Haifische anbetet, der muss ihre Macht füttern und damit die Haifische. Gefüttert werden sie durch die Menschenopfer in den kleinen Wirtschaftskriegen und dann in den größeren Kriegen. Und so entsteht die ganz große absurde Situation. Wer die Haifische liebt, der liebt nicht die eigenen Kinder und ihre Zukunft in der Welt. Er verschleudert ihre Zukunft und opfert sie der falschen Welt. So wird aus der demokratischen Welt die Welt der Haifischmenschen.

Was ist das Wesen des Absurden in der Zeit?

In dieser Lage drängt sich Frage nach dem Wesen des Absurden in unserer Zeit geradezu auf. Unweigerlich führt der Weg zu Camus. In seinem berühmten Essay: Der Mythos Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde von 1942 hat sich Camus mit dem Selbstmord beschäftigt. Angesichts der Implosion der amerikanischen Macht, den ich als politischen Selbstmord verstehe, ist das die angemessene Fragestellung. „Es gibt“ – so schreib Camus – „nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohnt oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.“ Die Entscheidung zwischen Leben und Tod war 1942 drängend. Die Frage, ob und wie sich das Leben in Frankreich nach der Niederlage noch lohnt, war keine theoretische. Sie stellte sich praktisch durch den Zusammenbruch der Macht des französischen Staates. Das vereinigte faschistische System hatte gesiegt, und die uneinige demokratische Zivilgesellschaft war unterlegen. Im kulturellen Feld breitete sich das Gefühl der Ohnmacht aus. Über die Brücke der täglichen Kollabo- ration mit dem Feind wanderte die Humanität aus großen Teilen der französischen Kultur aus. Und mit denselben Haltungen wanderte in umgekehrter Richtung über dieselbe Brücke das Absurde ein. Das Absurde machte sich als Gefühl breit. Denn in diesem Hin und Her auf der Brücke der Zeit wanderte der Eigensinn ab und machte der Sinnlosigkeit Platz. Und mit dem demokratischen Sinnverlust wanderte gleichzeitig der Pessimismus in die französische Gesellschaft ein.

Diese Bewegung des Absurden zu beschreiben und dagegen zu kämpfen war großartig. Diesem Wahnsinn in der Zeit der Besatzung zu widerstehen, erforderte zuerst eine tägliche geistige Résistance. Sie ging der offenen voraus, die zunächst nicht geschehen konnte. So wählte Camus die Metapher des Sisyphos. Mit seinem Gang auf den Berg und seiner Strafe für den Aufstand gegen die Götter beschrieb er den Widerstand gegen die faschistische Besatzung. Er zeigte mit Sisyphos den Menschen des Immer-wieder-Gangs an den Spalten und Abgründen des Absurden entlang. Er stürzt dabei nicht ab und findet seinen Weg, ohne sich zu verlieren. Die Metapher vom Weg des Sisyphos verschaffte ihm den
seelischen Raum, jene Widerständigkeit zu gewinnen, die er die Revolte für das Leben nennt.

Das erste Geheimnis der Metapher des Sisyphos

So ist Sisyphos die geheime Metapher für das widerständige Leben. Für den Widerstand des Lebens selbst aber ist die Revolte die Chiffre. Nicht nur als Zeichen, das etwas sagen will, sondern als eine Praxis, die etwas sein will, was über das Zeichen selbst hinausweist. Wohin, das wird nur im Hinausweisen des Lebens auf den Lebensweg und die Lebenszeit selbst klar. Im Hinweisen auf das Schwierigste im Leben. Auf das Scheitern und das Wieder-auf-stehen. Auf den Verlust und die Niederlage und das Trotzdem. Für den Wandel des Werdens selbst. Dieser Wandel im Gang der Generation ist die Hoffnung auf ein Ende, das mit dem Anfang des neuen Lebens selbst wieder beginnt. Der Generationengang ist immer der neue Anfang, der aber noch nicht ist. Eine Hoffnung, die in der Zeit eingeboren ist und die immer wieder auf die Zeit hinweist, die das Leben immer wieder zur Geburt bringt. Immer in großer Treue zum Leben. Dieses Geheimnis berührt Camus mit seinem Sisyphos auf eine grundsätzliche Art und Weise. So könnenvwir Camus verstehen. So können wir ihn aber auchverlieren. Denn die Revolte darf nicht nur nach dem Wogegen fragen. Sie muss vor allem nach dem Wofür fragen und verlangen. Der Weg zu Camus’ verloren gegangenem Anliegen – das ist meine These – ist der Weg zum Demokraten Sisyphos. Ihn gilt es wiederzufinden und in unserer täglichen Praxis zu erfinden.

 

Im folgenden Anhang finden Sie den Text:

Der Mythos vom Demokraten Sisyphos

Über den Hintersinn des Absurden – der Zeiten- und Generationenwechsel

Ihr / Euer

Dr. Xaver Brenner

 

 

 

2.1 Der Mythos vom Demokraten Sisyphos

Über den Hintersinn des Absurden – der Zeiten- und Generationenwechsel

Wir glauben, in der Geschichte von Sisyphos den Rebellen zu kennen. [1] Er sei dazu verurteilt worden, unablässig den Stein der Zeit einen Berg hinauf zu wälzen. Immer wenn er oben war, stellte ihm das Schicksal ein Bein und der Stein des Lebens rollte wieder zu Tal. Zurück in die Ebene der sich wiederholenden Zeit und der nächsten Mühsal. Warum dieses Schicksal, warum diese Strafe? Für Camus ist ‚Sisyphos der ewige Rebell’, das Bild für das Absurde. [2] Aussichtlos eingespannt in das Walten sinnlos sich wiederholender Arbeit. Aus ihr will er sich befreien durch den Griff nach dem Glück, für den die Götter ihn dann bestrafen.

Sisyphos wollte jetzt leben und er wolle anders leben, als das Schicksal es für ihn vorsah. Er rebellierte gegen die archaische Ordnung, in der es undenkbar war, sich gegen die göttliche Vorsehung aufzulehnen. Im Zentrum seines Aufstands steht sein eigensinniges Denken. Es leitet seine Taten, die er durch listige Pläne steuert. Sie werden getragen von seinem eigensinnigen Willen. Immer wieder berichtet der Mythos verwundert von den listigen Rebellionen der griechischen Heroen gegen die Götter. Doch mit Sisyphos’´ Aufstand gegen die göttliche Ordnung der Zeit wird eine Grenze überschritten. Er plant und organisiert eine Tat, wie sie vor ihm nur Prometheus – der Menschengott – wagte. Sisyphos sucht den Tod (Thanatos) [3] zu überlisten, weil er für sich, mit Merope, seiner Frau, und den Kindern das Weiterleben gewinnen will. Er ordnet an, Merope solle ihn ohne Leichenfeier und Begräbnis auf die Straße werfen, noch bevor ihn Thanatos holt. Als Sisyphos so unwürdig bestattet vor Hades erscheint, gibt der ihm den Auftrag und den Befehl, nicht eher wieder in der Unterwelt zu erscheinen, bis er seine Frau für diese Untat bestraft hat. Sisyphos dachte nicht daran zu strafen, und lebte glücklich mit seiner Frau und den Kindern am „goldenen Golf von Korinth“.

Die Götter waren seiner List erlegen. Ihr Auftrag war ein Vertrag im Wechsel von Pflicht und Verpflichtung. Mit dem Vertrag begaben sich die Götter in Sisyphos‘ Hand. Der Mythos berichtet, er habe mit dem Befehl die Freiheit gewonnen, ihn auch nicht auszuführen. Das erklärt die Wut der Götter. Zwar fing seine List des Nein-sagens die Zeit nicht ein. Doch er griff mit seinem Wissen um das menschliche Handeln über die Grenze der Zeit hinaus. Mit dem Ja zum Weiterleben in seiner Familie, sagte er Nein zur göttlichen Macht des Zeus. Denn die Zeit anzuhalten war auch für Zeus die größte Versuchung. Hier treffen wir auf Ananke, die Göttin der Notwendigkeit, die eigentliche Herrin der Zeit. [4] Sie ist es, die im Mythos auf der Spitze des Berges auf Sisyphos wartet und ihm das Bein stellt. Sie rettet ihn damit vor der Eiseskälte des Hochgebirges, der Metapher für die Ewigkeit. Die Zeit gegen das Schicksal anhalten zu wollen war eine göttliche Anmaßung. So gesehen stehen wir vor der ersten großen Niederlage des Zeus- Kultes und sehen im Bruch seiner Verordnung Sisyphos frei werden. Nun können wir verstehen, warum Sisyphos auf dem Weg ins Tal lächelt.

Er weiß nun: Der Tod ist nicht das Ende, denn das Leben geht weiter. Darin ist er dem alten Kult überlegen! Er weiß, dass die Zeit der Notwendigkeit – also Ananke – gehört. Sie ist kein Gott. Sie ist ein Zustand. Und Zustände lassen sich durch eigensinniges Handeln gestalten. Durch Handeln lässt sich die Not wenden. Denn die Zeiten-Wende steckt nun in seinem listigen Arrangement. Mit ihm gewinnt er die Macht über die eigene Lebenszeit. Ja mehr noch. Er greift – wie wir noch sehen werden – durch das Verfassen von Gesetzen weit über seine individuelle Lebenszeit hinaus. Sein Denken wird zur Geburtsstätte des Demos, der verfassten Gemeinschaft der ‚sorgenden Ordnung‘. Sie birgt das eigentliche Geheimnis der List. Zunächst nur die Einsicht, dass über das steuernde Wissen das Weiterleben in der Familie am „goldenen Golf von Korinth“ wirklich möglich wird.

2.2 Der Grund zum Sterben und zum Leben

Falls das Absurde überhaupt als Kategorie taugt, dann im Sinn des Verwunderns. Wie konnte Camus das Ziel der List verborgen bleiben, das Leben? Und wodurch konnte der göttliche Mythos es in die absurde Ferne des Berges rücken? Darauf kann uns nur Sisyphos auf seinem Weg in den Abhang hinunter Antwort geben. Dorthin, wo er dem Stein des Lebens folgt, wie er wieder und wieder in die Ebene zurück rollt. Nach der Eiseskälte der Bergspitze schreckt uns nun seine Einsamkeit. Sie ist eine weitere seiner Listen. Mit ihr hat er die Götter überlistete. Ihr erlag auch Camus. Ihr erliegen auch wir, wenn wir nicht durchschauen, dass Sisyphos nicht einsam ist. Er lacht in sich hinein, um diese andere List nicht zu verraten. Allen seinen Handlungen liegt ein Wissen zugrunde. In ihnen allen ist ein Umstand verborgen. Alles, was er tut, geschieht nicht nur fürsich, sondern immer auch für die unsichtbaren Anderen – seine Familienmitglieder – die ihn begleiten.

Dagegen ist das patriarchale Göttersystem in seinem ewigen Egoismus gefangen. Es erkennt über das Ego hinaus nicht, dass es da ein ganz anderes System neben dem egoistischen Zeus- System gibt. Dieses endliche System des Lebens schließt den Umstand des Weiterlebens der Nachfahren ein. Es gibt eine Eigen-Welt jenseits der Ewigkeit. Sie ist das Ziel des listigen Überwinders und Erdulders Sisyphos. Er vermeidet den ewigen Stillstand, zu dem ihn Ares, der Kriegsgott, als Helfer des Thanatos zwingen soll. Er überlistet die Unterwelt, die jenseits der Ebene im Sumpf und Abgrund lauert. So muss Hades erkennen: Sisyphos hat jenseits seines Reiches eine Welt angeordnet, die lebt, auch wenn er stirbt. Hier wird Sisyphos’` Lächeln hinterlistig. Es wird getragen von dem Wissen, dass sein Ende in einen neuen Anfang führt.

Kehren wir an dieser Stelle für den Augenblick zu Camus Ausgangsfrage nach dem Wesen des Absurden und der Philosophie zurück. Sie stellt sich für ihn durch die Provokation des Selbstmordes. Er wirft eine Frage auf, die im Originaltext so lautet: „Zu urteilen, daß das Leben die Mühe wert oder nicht wert ist, gelebt zu werden, heißt die grundlegende Frage der Philosophie zu beantworten.“ [5] Wenn es denn stimmt, was Camus sagt, dass die einzige existenzielle und damit philosophische Frage – und wie er es sieht – die Antwort auf den Tod ist, so sehen wir, dass Sisyphos sie gab, indem er zum Leben seiner Familie zurückkehrte. Hier kreuzt sich nun die eigentlich philosophische mit der demokratischen Tat. Er will die erste Form des Demos retten durch die einzige Möglichkeit, die er hat, die Rückkehr zur unausweichlichen Normalität des täglichen Lebens, der Arbeit und der Mühen, um dieses Leben zu ermöglichen und zu verwirklichen, in der größten Treue, die seine Liebe kennt. Es ist dies die Treue zu seiner Familie.

So scheint durch den Tod das Leben hindurch als die Mitte einer Handlung, die sich selbst immer wieder erzeugt. Dieses Schicksal ist nicht absurd. Es sieht nur so aus. Es ist tragisch, weil es Leid und Freude, Glück und Unglück, Leben und Tod in all seiner Dualität enthält. Es zwingt die Menschen, in diesen Polaritäten immer wieder, die Mitte für sich erfinden zu müssen. Indem Sisyphos dieses Werden (génesis) erkennt, öffnete er seinen Nachfahren den Zugang zum Wesen der Zeit. Darin ist der Mensch ständig dazu veranlasst, in seiner Welt über diese Welt hinaus zu gehen, weil er immer über die Zeit hinaus handelt und plant, ohne zu wissen, ob die Pläne aufgehen, die Handlungen gelingen.

2.3 Die Selbstschöpfung der helfenden Sorge

Wenn in dieser Selbstschöpfung – der auto-genesis – etwas absurd ist, so ist es die Hoffnung auf die vollkommene Erfüllung in der Zeit. Auch darin ist Sisyphos den Göttern und allen Stillstands-Propheten überlegen. Und in einem eigenartigen Sinn ist er hier auch ironisch. Er weiß, dass die Zeit, die er befreit hat, ihm und seinen Nachfolgern nur auf eine absurde Art und Weise gehört. In der Weise nämlich, dass sie nicht wissen, was sie noch alles fühlen, denken und gestalten werden. In diesem Sinne machte er auch die Götter des Stillstandes zu seinen Opfern, weil sie nicht erkannten, dass er ihnen als Täter mit seinen Taten immer voraus sein muss. Seine Handlungen folgen einer Hoffnung, nämlich der auf das bessere Leben. Darin folgt er beständig der offenen Zeit, die ihm als Hoffnung, aber nicht zum Eigentum wird.

Trotzdem trifft Sisyphos Anordnungen, die ihn ‚unsterblich‘ machen. Nicht weil er mit ihnen seinen Tod überwindet, sondern weil er mit ihnen das Leben seiner Gemeinschaft erhält. In den Verordnungen und Gesetzen lebt seine ‚helfende Sorge‘ als Vorsorge um ihr gemeinsames Glück weiter. Dafür sind ihm jede Qual und Anstrengung an jedem sich wiederholenden Tag ein Glück. Sie fordern ihn heraus und leiten ihn bei seinen eigensinnigen Taten: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Mit diesem Satz umschreibt Camus den äußeren Kreis des Sisyphos-Mythos. Doch dann verliert er die Spur wieder. Wer glücklich sein muss, ist es nicht aus freien Stücken. Dieses „Muss“ verfinstert das Lächeln des Sisyphos. Es macht es für Camus wieder zum Rätsel. Seine Spur verliert er völlig, wenn er sagt: „Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.“ [6]

Doch wie wir gesehen haben, achtet Sisyphos auf seinen Weg, weil er weiß, dass er um des Demos Willen, den er erhalten will, das Schicksal gerade nicht „verachten“ darf. Er muss und will es steuern wie ein großes Schiff.

Er will durch die Stürme des Lebens mit den Seinen zusammen die Gefahren meistern. Diese Meisterschaft weiter zu geben, darin besteht seine Achtsamkeit. Im Angesicht des Schweißes, den Camus bei diesem Werk auf Sisyphos Stirn bemerkt, beschleicht ihn ein Unbehagen. Camus’` Stimmung schlägt um. Er sucht sich festzuhalten an der Weisheit des Sophokles, der Oedipus sagen lässt: ‚Ich finde das alles gut ist.‘ Doch Oedipus ist nicht Sisyphos. Während der eine mit dem Leben abschließt, sucht der andere das Leben der Gemeinschaft aufzuschließen. Dadurch verändert sich fast alles, zumindest der Ausblick auf die zukünftige Zeit.

Aber was bedeutet das für die Welt des Handelns? Sisyphos weiß sich in einer Welt des Handelns eingeschlossen. Er sieht sich neue, andere Wege gehen und seine Nachfahren auch. Für ihn ist dieses weitergehende Leben nicht sinnlos und kein „Leben zum Tode“ (Heidegger). Denn tatsächlich wird das Leben auf jene unbegreifliche Art und Weise weitergegeben, von der wir nicht wissen, wo und wann es endet, weil wir nicht dabei sein werden. Die Weitsicht des Sisyphos ist weitsichtiger als die der Götter. Darin ist er ein Vorläufer des Sokrates. Weil er nicht „weise ist“, weiß er auch nicht, wie die Zukunft wird. Deshalb kann er auch nicht sagen, wann die Zukunft seiner Kinder oder die der Menschheit endet. Er kann nur sagen, was er in seinem Eigensinn will. Sie sollen nicht in den Sandwüsten versinken und ersticken, und nicht in den eisigen Höhen erfrieren und erstarren. Die ewige Dummheit der Niederungen soll ihnen genauso erspart bleiben wie der vollkommene Dogmatismus elitären Allwissens. Sisyphos will, dass ihr Eigensinn gewinnt und sie sich selbst zum Eigentum werden, wie ihm das geglückt ist.

Aber weil er nicht gewiss sein kann, dass seinen Kindern und Kindeskindern eben dies gelingen wird, muss er versuchen, solche Ordnungen und Gesetze zu erfinden, solche Inspirationen zu entwickeln, die wie eine Quelle zum Fluss werden und der Fluss zum Strom einer Kultur, die in der Wesensmitte den Grundsatz des Lebens trägt. Hier nun bricht seine Hoffnung auf. Warum sollte er nicht dabei sein? Warum sollte sein gelebtes Leben bei ihnen nicht mit dabei sein? Gerade weil er das nicht wissen kann, kann es möglich sein.

Weil es aber möglich sein kann wäre es gut und schön, wenn auf diese Weise die Möglichkeit auch zu einer Art von Wirklichkeit wird. Hier ist uns Sisyphos wieder voraus. Gerade weil er nicht wissen kann, ob die Elemente seiner Kultur in der zukünftigen Lebenswelt seiner Polis noch dabei sein werden, will er es möglich machen. Gerade weil er nicht weiß, wie die Gedanken und hilfreichen Taten, die Spuren seines gelebten Handelns, dann noch dabei sein werden, wenn er nicht mehr lebt, gerade deshalb möchte er, dass sie dabei sind. Was er in diesem Wunsch dabei zu sein erkennt, ist das Verlangen, dass die positiven Elemente seines Handelns, seines Willens dabei sein mögen, wenn er selbst nicht mehr ist. Sie mögen ihn überleben und in der Kultur seiner Nachfahren wiedergeboren werden.

 

Anmerkungen:

[1] Camus hat 1942 in furchtbarer Zeit seinen Sisyphos als eine Gestalt der Hoffnung geschrieben. Er wollte mit ihm beschreiben, dass in scheinbar auswegloser Situation das Absurde eine Tür zum Widerstand bereithält. Damit hat er aber nur einen Aspekt der existenziellen Grundidee des Sisyphos-Mythos erfasst.

[2] Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. (Übers. Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch), Hamburg 1959.

[3] Kerényi, Karl: Mythologie der Griechen, Bd. II. Die Heroen-Geschichten, 1994, S. 67–68. Zur Strafe für die Überlistung der Götter zwangen sie ihn, den Stein zu wälzen. Auch hier rebelliert Sisyphos noch, indem er über die Strafe lacht. Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos, 1959, S. 98–101.

[4] Platon: Symposion / Gastmahl. (Übers. Barbara Zehnpfennig), Meiner Verlag Hamburg, 2012, 195 c.

[5] Seyppel, Joachim: „Muß Sisyphos glücklich sein?“ Süddeutsche Zeitung vom 6./ 7. November 1993. Seyppel übersetzt so den Satz, der im Original lautet: „Juger que la vie vaut ou ne vaut pas la peine d’être vécus, c´est répondre à la question fondamentale de la philosophie.“

[6] Camus, Albert: Der Mythos vom Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Reinbek bei Hamburg 1992, S. 99 ff.

 

(Auszug aus: Der Mythos vom Demokraten Sisyphos von Dr. Xaver Brenner)

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