Seminar für Lebensphilosophie | Grundverständnis

Zur geistigen Situation unserer Zeit

„Vom Leben wird jeder zur Philosophie veranlasst, weil das Leben Fragen stellt,
die sich letztlich nur philosophisch beantworten lassen.“

Das Leben veranlasst uns nach seinem Sinn im Strom der Zeit zu fragen. Wir halten inne, wenn wir so fragen. Für einen kurzen Moment scheint die Zeit still zu stehen. Wir verweilen dann im Augenblick. Geben wir uns diesen Einhalt, so nehmen wir uns aus der Beschleunigung der Welt zurück. Wir geben uns Zeit, nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen. Für diese Frage braucht es Mut, denn wir suchen gegen den Strom der Zeit nach Halt. Wir müssen uns diesen Halt selbst geben. Er findet sich nicht, liegt nicht vor. Er muss aus dem Inne-halten als Ein-halt durch uns gewollt und von uns geschaffen werden.
Jetzt erst formulieren sich Fragen: Wer sind wir? Was wollen wir? Wohin sind wir unterwegs? Schon unser Inne-halten veranlasst solche Fragen. Plötzlich stehen wir in der Stille des Nachdenkens.

In der Geschichte der Philosophie wurde solches Nachdenken meist als die Suche nach dem Grund verstanden. Das führte zu einer folgenschweren Umdeutung. Aus der Frage nach dem Weg, wurde die nach der Herkunft. Die Frage nach dem: ‚Woher wir kommen‘ ersetzte so die Frage, ‚Wohin sind wir unterwegs?‘
Diese Umkehr in der Richtung unseres Denkens war und ist unbefriedigend. Sie verkehrte den fragenden Einfall des Denkens. Aus der Suche nach neuen Horizonten wurde dadurch der Rückfall in alte Gedankenbilder. Statt mutiges Denken zu fördern, führt diese Umkehr zum verzagten Verweilen im Augenblick. NV, nicht veränderbar! Das ist die Formel unserer Zeit geworden. Mit dieser Formel suchen wir, die Zeit anzuhalten, um sie still-zu-stellen, und das Leben mit ihr. Viel zu viele Bereiche unseres Lebens haben wir mit dieser Aufschrift versehen. Kein Risiko, keine Veränderung, Abkehr von der Lebendigkeit.

Damit lassen wir die Welt laufen, wie eine große Maschine. Das Räderwerk bewegt sich und doch herrscht geistiger Stillstand. Die Bewegung suggeriert den Fortschritt der Zeit. Tatsächlich aber nehmen nur die Dinge ihren geschäftigen Lauf. Warum, wieso und wohin? Zwar fühlt ‚man‘ sich mitgenommen. Wieso das alles so läuft? ‚Man‘ weiß es nicht. Wohin die Reise geht? ‚Man‘ glaubt, den Kurs nicht mitbestimmen zu können. Fatalismus hat sich ausgebreitet. Eigene Erfahrungen werden nicht mehr kritisch verarbeitet. ‚Man‘ lebt in einer Kultur und verspürt doch für deren Erhalt und ihre Entwicklung keine Verantwortung. Jeder macht, was er will und traut sich doch keinen eigenen Willen zu, mit dem er Einfluss nehmen könnte. Damit sind wir auf die paradoxe Gestalt des ‚Jedermann‘ gestoßen, hinter dem sich jedoch der verantwortungslose ‚Niemand‘ verbirgt.
Tatsächlich aber leben wir in der europäischen Kultur, für die wir – wie Nietzsche sagt – Verantwortung tragen: „Wir sind, mit Einem Worte – und es soll unser Ehrenwort sein! – gute Europäer, die Erben Europa’s, die reichen, überhäuften, aber auch überreich verpflichteten Erben von Jahrtausenden des europäischen Geistes (…).“ 1)
Wir, das ist keine Masse. Wir, das sind die Einzelnen, die Nachdenklichen, diejenigen, die für sich Verantwortung übernehmen. Wir, das sind die Eigen-sinnigen. Also jene, die den eigenen Sinn nicht beim Anderen suchen, sondern ihn aus ihrem Eigen-Sinn hervorbringen.

Also sind wir die Nachdenklichen, die versuchen, etwas zu vernehmen, das offenbar über das Alltägliche hinausgeht. Werden vom Leben Fragen gestellt, so fühlen wir uns angesprochen. Werden Antworten verlangt, so können wir sie nicht delegieren. In der Welt, in der wir leben, geschehen die Dinge nicht sowieso. Sie geschehen nicht ohne unser Zutun. Ja, in paradoxer Weise geschehen sie sogar durch unser Nichtstun. Immer sind wir mit dabei. Immer sind wir in den Gang der Welt verwoben. So oder so werden wir mitgenommen, ob wir uns verweigern oder teilnehmen.
Obschon wir nicht wissen, wohin der Fluss der Zeit uns trägt, so wissen wir doch, dass wir die Gegenwart gestalten müssen, damit unsere Zukunft kein gefährdetes Nirgendwo wird. Wir müssen uns Sorgen um uns und unsere Welt machen. Den Zugang zu dieser Frage hat Sokrates geschaffen. Die Welt im Plural. Das ist zuerst unsere innere Welt in ihrer Vielfalt, wie es dann auch die Um-welt mit den Anderen ist. Im Zentrum steht die Sorge um uns. Sokrates hat ihren existentiellen Gehalt als Sorge um die Seele benannt. 2) Er will damit sagen: Nicht der Andere kann mir die Arbeit am eigenen Selbst abnehmen. Jeder muss aus dem Streit der „zwei Seelen in seiner Brust“ 3) eine innere Welt gestalten. Jeder muss in sich und für sich die eigene gute Regierung werden. Mit dieser Grundthese seiner Ethik stellt Sokrates die Selbstpraxis ins Zentrum. Eine solche Praxis gibt es nur, wenn jeder Einzelne mutig seine Vernunft gebraucht, weil er weiß, dass der alltägliche Verstand nicht genügt, um ein Selbst zu werden!

Der Lauf der Dinge ist nicht der Gang der Welt.
Der Gang der Welt folgt einer anderen Spur und formt einen eigenen Weg. Es ist der Weg unserer Kultur. Kultur trägt unser Leben und auch den Lauf der Dinge. Und das, weil die Menschenwelt Kulturwelt ist und wir Kulturwesen sind. Als solche sind wir bewusste Subjekte und nicht simple Objekte unserer Umwelt. Das mag uns entgehen im Fluss der Ereignisse. Zur Erinnerung wird es uns immer wieder gebracht, wenn alles das was wir wünschen, nicht so geschieht, wie wir es wollen. Wir wünschen die Sorglosigkeit und ernten damit durch die Hintertür die Sorge um unser Leben. Wir wünschen eine risikofreie Zukunft und sind durch all das Hoffen doch immer wieder auf die Gestaltung der Menschen-Welt zurückgeworfen.

Der Gang der Welt ist aufdringlich. Er führt uns an Grenzen unserer Existenz. Dort machen wir Grenzerfahrungen. Im Fühlen und Denken überschreiten wir beständig Grenzen, denen wir durch unser Handeln Wirklichkeit geben wollen. So wirksam unsere innere Welt für uns ist, so wirklich ist der Boden der Mit-welt, auf dem wir uns verwirklichen müssen. Die Differenz zwischen innerer und äußerer Welt ist die Herausforderung jedes Lebens. Wir erleben innerlich unsere Existenz. Hier entsteht die innere Erfahrung. Sie steht im Widerspruch zur Erfahrung im Bereich des äußeren Existierens. Hier leben wir in der Kultur-Welt und im Kosmos (Natur). In diesen beiden äußeren Räumen sind unseren Träumen und Wünschen Grenzen gesetzt. Unser Handeln stößt im Kultur-Raum an die Interessen anderer Menschen. Und der Kosmos (Natur-Raum) ist sowieso eine unüberwindliche Grenze, auch wenn wir sie immer weiter hinausschieben wollen (Hannah Arendt). 4) Die Unterscheidung zwischen Mit-welt als Menschen-Welt und Kosmos als Natur-Raum ist wesentlich für die Bestimmung des Handlungs-Ortes und der Handlungs-Zeit. Solange wir diese Differenz nicht akzeptieren, sind wir ständig der Hybris ausgeliefert, Dinge der Natur ändern zu wollen, die nicht zu ändern sind. Die Unterscheidung zwischen Dingen, die in unserer Macht stehen und Dingen, die nicht in unserer Macht stehen – die bereits die Stoa 5) eingeführt hat – ist hilfreich und betrüblich. Sie zeigt auf eine Grenzlinie unserer Handlungsmacht.

Wir sind in der Menschen-Welt zu hause. Wir leben hier und müssen jetzt handeln. In der Jetztigkeit der Zeit sind wir zu emotionalen und geistigen Entscheidungen veranlasst. Sie tauchen am Horizont unseres Lebens regelmäßig als Krisen auf. Weil Leben lebt, stellt es Fragen im Hinblick auf ein sinnvolles Weiterleben. In diese umtriebige Stellung des Lebens sind wir gestellt. Ihr können wir nicht entgehen, selbst wenn wir uns im Treiben des Lebens nicht entscheiden wollen. Auch das ist dann eine Entscheidung. Weil wir mitten in dieser Welt leben, weist uns diese Stellung die Verantwortung für unser Leben zu. Hier müssen wir für uns Antworten erfinden, die aus der Krise eine Zeit nach der Krise machen. Verantwortung heißt griechisch apo-krisis, nach der Krise. Das krisengeschüttelte Leben in der Welt öffnet uns in seiner Umtriebigkeit den Raum und gibt uns die Zeit als Lebenszeit in die Hand. Jetzt heißt es, sich in den Lebenswenden, die wir als Krisenzeiten erfahren, zu entscheiden. So bedeutet scheiden, sich entscheiden und dadurch Abschied nehmen. Wir werden dann verwiesen auf eine Zeit und einen Raum, der entsteht, wenn die Zeit der Trennung, Scheidung, Entscheidung (krisis) vorbeigegangen ist. Und doch haben wir die Welt nicht verlassen. Sie ist mitgegangen. Eine Lebenswelt ist vergangen und schon ist die nächste, mit uns, und um uns herum entstanden.

Leben ist der Durchgang durch die Welt.
Der Gang durch die Welt nimmt uns mit und wir sind mitgenommen. Sind wir nur passiv mitgenommen, so wissen wir nicht, wie und was uns geschieht. Wir fühlen uns dann als die Opfer der Zeit. So haben wir uns nur dem Gang der Welt ausgeliefert.
Das ist der Augenblick der Veranlassung. Sokratisch gesprochen stehen wir nun, ob wir es wollen oder nicht, in der Befragung unseres Lebens. Auf unsere menschliche, eigen-artige Weise sind wir es, die fragen und sind wir es auch, die uns befragen. Die Anderen könnten uns noch gleichgültig sein. Für uns aber sind wir die unhintergehbare gleiche Gültigkeit, der wir nicht entgehen.
An dieser Stelle spricht aus unseren Fragen die innere Stimme – Sokrates große Entdeckung. Wir vernehmen in uns einen Diskurs. Eigentlich sind wir ständig im Dialog mit uns. Wir leben im Plural zwischen dem Ich und der inneren Stimme, unserem fragenden Anderen. Unsere innere Stimme eröffnet den Anfang im nachdenklichen Leben. Mit ihr erheben wir uns über die Alltäglichkeit des Verstandes. In dieser Diskussion ringt jedes Denken um die Vernunft. Dieses fragende Gespräch mit uns im Plural macht jedes Leben für sich selbst zu einem Ereignis. Es ist das Ereignis der Erfahrung des eigenen Selbst. Selbst dann, wenn wir von ihm nichts wissen, macht es sich im Mangel bemerkbar. Für uns sind wir die ganze Welt. Und doch finden wir dafür nur selten das richtige Gefühl und die angemessenen Worte. Wir leben im inneren An-spruch und können ihm zunächst nur in den Ich-Funktionen Ausdruck verleihen. Spricht nur das Ich von sich, so ist der innere An-spruch einseitig und drückt sich als Egoismus aus. Der Weg führt dann geradewegs zu den Dingen, aus denen eine äußere Welt gebaut wird. Zur Egomanie wird diese Haltung, wenn zwischen Selbst-Achtung und Fremd-Beobachtung nicht mehr unterschieden werden kann. In den Augen der Anderen entsteht kein Selbst-Bewusstsein. Ein Leben für die Anderen ist ein Leben in der Fremde. Unter der äußeren Perspektive wird die Welt als Um-Welt für solche Menschen nur zum Ort des Kampfes und der Selbstbehauptung. Alles haben wollen, auf nichts verzichten können, und dabei gleichzeitig nichts abgeben wollen, damit sich nichts verschlechtert. Das sind die Zwickmühlen der Moderne und die Aussichtslosigkeiten des Egoismus.

Über einen langen Weg von vielen Missverständnissen hat sich diese Haltung des Alles oder Nichts in unsere Kultur eingeschlichen. Alles, das ist die absolute Perspektive. Doch wer Alles haben will, der erntet Nichts. So ist das Alles-machen-wollen und Alles-können-sollen, mit dem Nichts-erreichen-wollen und dem Nichts-erreichen-können hintergründig verwandt.
Damit stehen wir an der Geburtsstelle des absoluten Optimismus und des vollkommenen Pessimismus unserer Kultur. Der Optimist will alles haben, der Pessimist alles fürchten. Beide Haltungen haben einen harten Zeitkern im Problem der Veränderung. Wenn nichts vergeht, wird in der Welt auch nichts entstehen. Vergehen aber verlangt Abschied vom Haben-wollen und Entstehen ungesicherte Ankunft in einer Zeit und in einem Raum, der durch eigene Schöpfung in der Welt entstehen muss. Das existentielle Thema ist also die Unsicherheit, das Fürchten-müssen in der Zeit. Gesichert ist dabei weder die vergehende Gegenwart, noch die entstehende Zukunft.
Leben trägt in sich ein existentielles Paradoxon: Leben verzehrt Leben, um zu leben.

Das Leben in der Welt ist nur wirklich zu haben um den Preis, den Stillstand nicht zu wollen. Dieses existentielle Grundereignis schlummert am Grund unseres Bewusstseins. Auf ihre eigene Weise verhalten sich Optimismus und Pessimismus zu ihm nach dem Muster der Romantik. Alles wollen, nichts verlieren und die Ungewissheit nicht ertragen zu müssen, das ist ihr Traum. Oh Augenblick, du bist so schön, möchtest niemals mehr vorüber gehen. 6) Hier schwebt das Grundmotiv der Romantik durch das Gemüt. Und doch ist es mit dem Sturm der Gefühle verbunden. Sie beziehen ihre Kraft aus der Abkehr vom Leben, wie es sich beständig wandelt. Und sie haben ihr Ziel in jenem scheinbar zarten Wunsch nach Ewigkeit.
Alles das was ist, nicht zu verlieren, das klingt als Grundmelodie durch diesen Wunsch. Auf der Basis dieser Grundstimmung vereinigt sich der Chor der ewig Gestrigen mit dem Chor der ewig Zukünftigen. Tatsächlich aber spielt diese Melodie nach dem eisernen Takt des vermeidenden Bewusstseins. Es will nur vernehmen, dass nichts vergeht oder alles, was es wünscht, entsteht. Was davon verschieden ist, wird aus der gewünschten Zeitvorstellung Ewigkeit ausgeblendet, überhört, verdrängt.

Warum akzeptiert der Hoffende die absurde Hoffnung?
Wir leben in der menschlichen Welt und nicht im ewigen Kosmos. Wir zehren von der Welt, wie sie entsteht und vergeht. Dabei denken wir auch das Entstehen und Vergehen unseres natürlichen Körpers. Unser Leben zehrt nicht von der Ewigkeit. Doch auch sie können wir denken, ohne je in ihr zu sein. Unser Leben zehrt vom Leben, das wir denkend erleben und dessen Endlichkeit wir fühlend ertragen müssen.

So sind wir der Ort und die Kraft an der sich unsere Existenz an einem Gedanken aufrichten muss. Alles ist nicht möglich. Diesen Gedanken zu denken und die dabei entstehenden Gefühle zu verstehen und zu ertragen, ermöglicht unserem Leben die Position gegen den Irrsinn seiner Verunmöglichung.
Die gegenteilige Aussage, dass nämlich Alles möglich sei, existiert nur im Wunschdenken. Im Leben zerstört dieses Gedankenspiel das Leben. Es ist die Transformation in den absoluten Wunsch und die absolute Furcht.
Heute liegt dem absoluten Wunsch der technische Optimismus zugrunde. Es sind die negativen Utopien einer Welt, die den Tod durch Gentechnologie überwinden will. Es gibt den Wunsch, eine Gesellschaft der Sorglosigkeit zu errichten, ein Paradies der Anstrengungslosigkeit einzurichten. Eine Gesellschaft der Analgetika 7), der vollständigen Betäubung wäre das Ergebnis. Heute greifen viele zu harten oder weichen Drogen. Dahinter steckt der Kult der Leidvermeidung. Auf den Punkt gebracht hat die Sucht nach solchen „Beruhigungsmitteln (…) der berühmte Reklameslogan, ´Künstliche Beine – besser als echte´.“ 8) Die Flucht vor dem Echten, das in der Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Anderen, dem Sozialen besteht, führt geradewegs in die Künstlichkeit einer Kunstwelt, die alles verspricht, in Wahrheit aber diese Versprechen nicht hält. Verkauft und konsumiert wird ein „wahnsinniger Optimismus“, der schließlich als Millionenspiel bis hin zur Börse das geschenkte Leben als Geldwert verspricht. Das hat bei vielen zu einer Enttüchtigung der Seele geführt, weil in der Tat der anstrengungslose Erfolg nicht möglich ist.

Das ist die Stelle, an der das Programm der Lebensvermeidung vom Pessimismus weitergespielt wird. Es lautet: Weil nicht alles möglich ist, ist Alles Nichts. Die Allmachtsphantasie des Optimismus wird in die Ohnmachtsvorstellung des Pessimisten überführt. Er sieht in jedem Kompromiss nur die Halbheiten des Lebens. Das ist dann nichts! Mit Kompromissen kann bei ihm niemand Eindruck machen. Entweder perfekt oder gar nicht. Die Welt, die er sich wünscht, darin ist sich der Pessimist sicher, diese Welt wird es bestimmt nicht geben. Für ihn ist daher „die beste aller Welten“ eigentlich gar keine.
Ist die Prämisse für das eigene Leben einmal als absolute Erwartung gesetzt, dann ist jedes Ziel darunter eine Verfehlung. Weil die absoluten Erwartungen nie eintreten werden, ist die Welt die Abweichung vom Absoluten. Der Schluss ist dann folgerichtig. Diese Welt kann eigentlich nur Nichts sein.
Dieser „Wahnsinn des absoluten Pessimismus“ ist weiter verbreitet, als wir denken. Er erscheint im alltäglichen Nihilismus. Insbesondere das Leid in der Liebe hat es ihm angetan. Liebe, sie ist ihm wegen der Krisen nur Halbheit. Halbe Sachen, das hat er in der Konsumwelt gelernt, sind zu meiden.
So flieht er die Liebe, weil sie nicht das versprochene Hochglanzprodukt ist, das ihm in seiner Bilderwelt vorschwebt. Sein Traum ist echt, doch die Welt ist anders. Sie ist nicht das vollkommene System, obwohl sie doch unsere ganze Welt ist. Weil der Pessimist beständig Welt und System verwechselt, verschmäht er die eine und nutzt das System, um den Streit mit der Welt und ihren Problemen zu vermeiden. Bei jeder Kleinigkeit des Lebens tritt er gegen „das System“ im Ganzen an. Hinter allem vermutet er die „große Verschwörung“ gegen „die man doch sowieso nichts machen kann.“.

In unserer Kultur lebt ein versteckter Perfektionismus!
Nichts wird so sein, wie die absoluten Erwartungen des Pessimisten. Alles ist schlechter und jedes Ergebnis läuft unter der hohen Messlatte seiner Ansprüche durch.
Können wir Perfektion erwarten von einer Welt, die wir gemacht haben? Steht nicht menschliches Handeln immer unter der Bedingung des Anderswerdens? Aus dem Anderswerden ist die Welt als Menschenwelt geworden. Wir verwechseln sie beständig mit der Natur. Dort sehen wir Regeln und Regelmäßigkeit. Lange haben wir in die Natur Perfektion hineinprojiziert. Doch selbst in ihr gibt es für uns heute die Perfektionen nicht mehr. Die moderne Naturwissenschaft hat ihren Rückzug aus der Naturperfektion angetreten. Die Mutation, das zufällige Spiel der Natur mit ihren Möglichkeiten hat seit Darwin dieses Bild zerstört. Selbst in der Natur ist nicht alles gut und perfekt. Und die Natur wurde auch nicht in sechs Tagen vom Herrn erschaffen. Das ist eine mythologische Metapher. Doch als Widergänger 9) der Moderne geistert dieses Modell heute wieder durch die fundamentalistischen Sekten und trägt das Schöpfungsbild der Kreativsten. Der Mensch aber ist kein perfektes Wesen. Das ist für dieses Denken eine Kränkung. Man möchte als Ebenbild Gottes die Perfektion durch seine Gnade geschenkt bekommen. Die Welt kann einem dann geschenkt sein, wenn man sie aus solcher jenseitigen Perspektive sieht.

Freiheit als Gefahr und Freiheit als Aufgabe.
Das Perfektionsdenken sucht immer eine Letztbegründung. Die findet es im kosmologischen Bild der Natur. Dieses Modell wird dann auf die Menschenwelt übertragen. Warum? Offenbar weil man sich in der ewigen Schöpfung gehalten fühlt. Das Angebot der Letztbegründung in einem unvergänglichen Grund ist das Versprechen gegen die Verlorenheit in der Zeit. Als solches arbeitet hier ein psychologisches Motiv. Es setzt am richtigen Gefühl der Menschen an. Niemand will verloren gehen. Jeder möchte gehalten werden. Jetztigkeit ist das Hintergrundthema.
Die Zeit als Vergänglichkeit ist damit der große Feind. Er kommt gepaart mit dem offenen Raum als die Doppelbedrohung der Existenz daher. Hand in Hand sind sie die große Freiheit. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, wie der Erfolg unserer Handlungen nicht gesichert ist. In beiderlei Hinsicht ist die Freiheit leer. Die Aufklärung hat auf dieses Problem mit dem Freiheitspathos geantwortet: Alle Menschen sind frei geboren! Aber wozu? Um über den Wolken zu schweben, wo die Freiheit grenzenlos sei, wie es in einem rührseligen Chanson heißt?
Die Freiheit ist eine Herausforderung an die Selbstschöpfung. Wir müssen den Um-gang mit ihr lernen und sie nicht umgehen. In der Freiheit wirkt ein unabdingbares Jetzt. Es ist das Jetzt in der Welt und kein kosmisches Ewig. Dieses Jetzt ist eine Aufforderung an die seelische Haltung, nicht an eine Sache. Es entspringt einer inneren Not-wendigkeit. In ihr kommt die Not der Menschen zum Ausdruck, in einer endlichen Welt zu leben, in der sie ihre Not wenden müssen und für ihr Glück einzutreten haben. Dabei können sie auf keine Wundertüte des Glücks hoffen. Wir sind verwiesen auf die Welt, in der wir leben. Eine andere haben wir nicht. Wir sind geboren in diese Welt-Zeit, in einer anderen leben wir nicht. Diese Grundelemente des In-der-Welt-seins können wir nicht wählen. Sie sind uns existentiell gegeben. Aber innerhalb dieses räumlichen und zeitlichen Rahmens, den wir Lebenswelt nennen, sind wir die Schöpfer unseres Sinnes oder unseres Un-sinnes. Beides sind Haltungen. Die eine Haltung sucht zu erzeugen, die andere zu vermeiden. Beide stehen dabei immer in der Entscheidung, sich dem Aufbau des eigenen Selbst zuzuwenden oder in der Abwendung von dieser Aufgabe die vielen großen und kleinen Verhinderer zu suchen und zu finden, die dann als Ausrede dienen. Wenn alles optimal gewesen wäre, dann hätte man es ja versucht. Aber da ja eben nicht alles …. Solches Gerede organisiert sich selbst die Niederlagen, möglicherweise um dann wenigstens vom Mitleid zu leben. Doch solches Mitleid ist eine schmale Kost. Seelisch leben und schöpferisch aufbauen kann man sich damit nicht.

Zu den Menschen, nicht zu den Sachen, zur Menschenwelt und nicht zu den kalten Sternen führt der Weg im Leben, wenn Leben lebendig sich selbst behandelt. Handeln, gut handeln (eu práttein) hat ein Gelingen des eigenen Lebens im Sinn. Das Gute (agathón) ist dabei die Summe der seelischen Wahrnehmung und die Summe der guten Handlungen, die uns im Augenblick möglich sind. In diesem Sinne muss sich Leben ermöglichen als die Wahrnehmung der eigenen Gefühle in einem inneren Gespräch mit sich selbst. In diesem inneren Gespräch kommt der eigene Logos zur Sprache. Wir verständigen uns mit uns auf der Grundlage der Ausgesetztheit unseres Lebens. Wir lernen so bei uns zu beginnen. Wir bestimmen dann das Niveau, auf dem wir unseren eigenen Fragen begegnen und denen der äußeren Welt widerstreiten. Der Ausgangspunkt – sokratisch gesprochen – ist dabei die Grunderkenntnis, nach der man nur lernen wird, was man nicht gelernt hat. Der Ausgangspunkt unserer Entwicklung muss die Freiheit sein, uns dieses Eingeständnis des inneren Anfangs zu geben. Wir wissen, dass wir nicht weise sind. Aber wir wissen, dass wir auf dieser Grundlage zum Schöpfer unserer Welt werden können.

Diese Selbst-praxis erzeugt eine innere Gegenwart, die sich gegen die leeren Überansprüche, also gegen die Phantasien des Größenwahns wehren kann, wie sie sich gegen die gleichermaßen fatalen Phantasien der Verzagtheit und des gewünschten Unglücks behauptet.

Das Gute geschieht nicht, außer man tut es! Dazu müssen wir nicht nur bei uns, sondern auch in uns sein. Wir müssen die Gelassenheit entwickeln, Probleme anzugehen, die uns tatsächlich etwas angehen, und solche Probleme zu lassen, die uns in die Irre führen. Gelassenheit bedeutet den Sinn für das Loslassen von falschen Haltungen zu entwickeln. Gleichzeitig sollten wir die zentrale Erfahrung des Werdens kultivieren. Sie liegt im Zuströmen der Welt. Wir haben unsere Erfahrung dabei auf die Entwicklung unseres Könnens zu richten. Damit das Gute entsteht, muss es gekonnt werden. Es ist dies der Selbstprozess des eigenen Werdens, mit sich und den Anderen in einer Lebenswelt. Er wird nur möglich als gelassenes Ein-lassen-können auf die Menschen und die Kultur, in der wir leben.

Dann bekommt unser Selbst jene innere Dauer (durée) 10), von der Bergson ansatzweise gesprochen hat. Es geht um die Gestaltung des eigenen Selbst im inneren Raum und der eigenen Zeit.

Ihr / Euer Dr. Xaver Brenner
München, 1. Dezember 2006


1) Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus 377
2) Platon: Apologie – Verteidigungsrede des Sokrates, 29 e. Stuttgart 1986 (Übersetzung Fuhrmann)
3) Goethe, J.W. von: Faust, Erster Teil. Vor dem Tor
4) Arendt, Hannah: Vita activa, oder Vom tätigen Leben, München 1978, S. 13. Arendt verwendet den Begriff der „modernen Welt“. Sie sieht zwei Fluchttendenzen einer „neuzeitlichen Weltentfremdung (…): der Flucht von der Erde in das Universum und der Flucht aus der Welt in das Selbstbewusstsein“. Die Differenz von Welt als Menschenwelt und Kosmos als größte Naturwelt deutet sich hier schon an.
5) Hadot, Pierre: Der Fall Marc Aurel, in: Philosophie als Lebensform, Berlin 1987, S. 90
6) „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: | Verweile doch, du bist so schön! | Es kann die Spur von meinen Erdetagen | Nicht in Äonen untergehn. – | Im Vorgefühl von solchem hohen Glück | Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.“ Goethe, J.W. von: Faust, Zweiter Teil, 5. Akt: Großer Vorhof des Palasts
7) Siehe dazu den Aufsatz von Kolakowski: Der Mythos in der Kultur der Analgetika. In: Kolakowski, Leszek: Leben trotz Geschichte, München 1977, S. 106 – 139, i. b. S. 117
8) Kolakowski: ebd.
9) Jede Aufklärung schleppt in Ihrem Schatten die Reste oder Gegenbilder des Überwundenen mit. Diesen Gedanken haben Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung entwickelt. Dort heißt es zu diesem Gegengrund der Moderne: „Selbst das drohende Kollektiv (von der Schulklasse bis zur Gewerkschaft) jedoch gehört nur zur trügenden Oberfläche, unter der die Mächte sich bergen, die es als gewalttätiges manipulieren.“ S. 35) Dieser irrationale Gegengrund der Aufklärung wird hier psychologisch und archetypisch zugleich verstanden. Er ist der vormoderne Rest in der Kultur der Moderne, wie er sich in den mythologischen Geschichten über die Schöpfung der Welt durch Naturgeister bei den Urvölkern erhalten hat. Als Bild entstammt diese Vorstellung der griechischen Mythologie, die keinen Teufel kennt, sehr wohl aber die unterworfenen Titanen. Sie sind nur unterdrückt, in ihrer vulkanischen Kraft aber jederzeit in der Lage, wieder die Macht auf dem Olymp zu erobern. So sind sie das Gegenbild und die Gegenkraft, eben die Widergänger der Olympier. Siehe dazu: Rose, Herbert J.: Griechische Mythologie, München 1988, S. 55. „Ihre Natur ist nach rein hellenistischer Überlieferung mehr gewalttätig als ausgesprochen böse; die griechische Theologie kennt keinen Teufel.“
10) durée (fr.) = die „Dauer (Bergson) etwas was anhält, sich durchhält in der Zeit

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